Auf einen Blick
Züritipp/Tages-Anzeiger
21. November 2013

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Die Blickfang versammelt nicht nur zeitgenössische Designs, sondern auch spannende Geschichten von den Machern hinter den Objekten. Sechs Porträts.

von David Torcasso (Texte) und Doris Fanconi (Grosses Bild)Schönstaub

Teppich Einen wohl besseren Namen für dieses Produkt gibt es wohl kaum: Schönstaub. Die Jungunternehmer Nadja Stäubli und David Schönen produzieren riesige Galaxien-Teppiche. Die imposanten Bilder sind aber nicht aufgedruckt, sondern eingewebt. Galaxien nennt man auch Sternenstaub, Teppiche manchmal Staubfänger, und ihre beiden Nachnamen ergeben Schönstaub. «Nicht nur der Name war sofort klar, sondern eine Zusammenarbeit nach dem Fotografiestudium an der ZHDK.» Im Modul Kunst und Technik haben Schönen und Stäubli erstmals Fotografien von Galaxien gross auf Teppiche gedruckt. Der Versuch gelang, die Resonanz in zahlreichen Blogs war riesig. In Teheran fanden sie die weltweit einzige Webmaschine, um Bilder in einer solchen Grösse herzustellen. «Anstatt Künstler, sind wir jetzt Teppichhändler», sagt Schönen lachend. Kürzlich haben sie einen Pop-up-Store an der Kalkbreitestrasse eröffnet, letzte Woche waren sie an der Blickfang Kopenhagen, jetzt folgt Zürich. «Bei uns lief die Gründung verkehrt herum: Wir hatten zuerst einen Teppich, erst dann folgte alles andere: die Firmengründung, das CI, die Website, der Vertrieb», sagt Nadja Stäubli. Bleibt zu hoffen, dass die beiden jungen Designer in Zukunft noch genügend Zeit für neue Teppich-Sujets finden.

PrEt-A-faire

strickmusterset Schon zur Schulzeit war Susanne Wadsacks Lieblingsfach «Handzgi». Sie ärgerte sich aber über die Schnittmuster: «Mit dem dünnen Papier und seinen unzähligen, gestrichelten Linien verbrachte man nur schon für das Übertragen auf den Stoff Stunden.» Vor fünf Jahren entschied Wadsack, eigene Schnittmuster anzubieten. Zusammen mit einer Schnittzeichner­­- in entwickelte sie die Schnitte auf festem Papier. Mit der integrierten Nahtzugabe und dem selbst klebenden Papier konnte man diese direkt auf den Stoff bügeln. Bei ihren Strickboxen liefert Pret-a-faire die Wolle gleich mit. «Zurzeit mag ich Alpaka-Seide sehr gern, weil sie so warm wirkt.» Als kleines Extra gibts dazu ein Label mit der Aufschrift «done by myself». Die Designerin freut sich an der Blickfang besonders, den Kunden live zu zeigen, wie ihre Idee funktioniert. Zudem präsentiert sie erstmals eigene Stoffe, die sie in einer Glarner Textildruckerei produziert hat.

Bernhard Burkard

Lautsprecher Nicht in einer Garage wie Steve Jobs, dafür in einem Keller in Stetten im Kanton Schaffhausen haben Fabian Bernhard und Thomas Burkard ihre ersten Produkte gebaut. Dass sie abseits der Schweizer Zentren Zürich und Basel werken, störte die Designer nicht im geringsten. «Für Ideen braucht es vor allem Platz.» Recht haben sie. Denn inzwischen bewegen sich Bernhard und Burkard international. So partizipierten sie in diesem Jahr an der Designmesse in Peking, ihre Kunden stammen aus aller Welt. «Die geografische Lage ist heute dank dem Internet kaum mehr relevant», sagt Burkard. An ihrer zweiten Teilnahme an der Blickfang 2013 zeigen Bernhard Burkard den beweglichen Lautsprecher Ballo, der stark an ein Mikrofon erinnert. «Es ging uns aber auch darum, die Nutzung von portablen Lautsprechern zu überdenken. Deshalb haben wir auf eine flache Standfläche verzichtet. Nicht alles muss stehen», erklärt Fabian Bernhard. Dank des Kabels könne der Lautsprecher deshalb beispielsweise auch aufgehängt werden.

Flux factory

Teller Doris Lang war – entgegen der Meinung vieler – begeistert von den gigantischen Werbepostern, die vor einigen Jahren plötzlich an Zürichs Hausfassaden auftauchten. Aber nicht von der Werbung, sondern dem praktischen und robusten Netzvinyl. Sie produzierte daraus nämlich Wäschesäcke und Shoppingbags. Seither ergänzt die Zürcher Designerin alltägliche Gegenstände mit einem besonderen Twist. So entwickelte die Mutter zweier Kinder auch ihre fantasievollen Kinderteller, aus denen in der Mitte ein Haus, eine Ente oder ein Schiffchen ragt. Eine Mutter sagte ihr einmal: «Sie haben meinem Kind das Leben gerettet. Seit ich einen Teller mit dem Entchen habe, isst mein Kind.» Lang sagt: «Inzwischen werden die Teller gerne auch an Apéros aufgelegt.» Die Teller und weitere Produkte unter dem Namen Flux Factory präsentiert Doris Lang an der Blickfang. «Haushaltsgegenstände umgeben uns täglich. Ein gutes Design ist darum wichtig.»

AIM Studio

leuchten Die Abschlussarbeit von Fabienne Meyer und Urban Würsch, die zusammen an der ZHDK Produktdesign studiert haben, war eine Navigationshilfe für Sehbehinderte. Das raffinierte Projekt war 2009 im Final des inter- nationalen James Dyson Award. Auch heute geht es den Zürcher Designern um das Sehen. «Wir möchten unsere Sichtweise von Produkten und Gestaltung in die Welt hinaustragen.» Ihre Kreationen manifestieren sich in einer der herausforderndsten Design­disziplinen: bei Leuchten. «Eine gute Leuchte spielt mit dem Licht. Das geht auf so viele verschiedene Arten, dass uns die Ideen wohl nie ausgehen», sagt Würsch. Auch die im Rahmen der Blickfang präsentierte Leuchtenserie Nori (in Zusammenarbeit mit Claude Treptow) wirkt auf den ersten Blick sehr reduziert, ändert aber das Aussehen auf erstaunliche Weise, wenn man sie anzündet. Das Kompositgewebe verleiht ihr zudem eine einzigartige Farbtiefe. «An der Blickfang erhoffen wir uns glückliche Käufer, aber eben auch Kontakte zu anderen Designern.»

Kinsfolk

SCHMUCK Die Geschichte von Kinsfolk beginnt in Sri Lanka – von dort stammt der Vater von Jessica und Josie Fernando. Jedes Jahr verbringen sie dort mehrere Wochen. Mit ihrem Label haben die Schwestern einen Weg gefunden, ihr Geburtsland Schweiz mit ihrer zweiten Heimat Sri Lanka zu verbinden. «Kinsfolk ist Fernweh und Heimweh zugleich», sagen sie. Die Symbiose aus traditionellem Handwerk und Materialien aus der Kultur Sri Lankas, gepaart mit Schweizer Designverständnis, präsentieren sie zurzeit in ihrem Laden im Provisorium Sihlpost und jetzt an der Blickfang: Gold- oder Silberschmuck mit einem zeitgemässen Designansatz sowie mit Leder eingefasste Seiden- und Kaschmirschals. Die diversen Objekte lassen die umtriebigen Schwestern in traditionellen Werkstätten in Sri Lanka anfertigen. «Das Design stammt von uns, das Material von dort», sagt Jessica. Künftig möchten die Geschwister noch mehr talentierte Handwerker in Sri Lanka finden – weitere Reisen in den Osten folgen. Ein Bewusstsein für die hochwertige Handarbeit in ihrer Heimat zu schaffen, ist ihnen genauso wichtig, wie die lokalen Manufakturen durch eine enge Zusammenarbeit direkt zu unterstützen.

Blickfang

Die Blickfang fand 1992 erstmals in Stuttgart statt. Heute ist die Messe neben dem Ursprungsort auch in Basel, Zürich, Wien, Kopenhagen und Hamburg vertreten, ab Frühjahr 2014 in München. Rund 220 Aussteller aus den Bereichen Möbel, Leuchten, Mode und Schmuck stellen auf 4500 Quadratmetern aus. Als Highlight verleiht eine Fachjury am Freitag um 19.30 Uhr den MINI Designpreis in den Kategorien Möbel- und Produktdesign sowie Mode & Schmuck. Ebenfalls am Freitag um 16.30 Uhr findet das Trendgespräch «The Future of Fashion» in Zusammenarbeit mit dem GDI Gottlieb Duttweiler Institute statt.

Aktualisiert am 29. November 2013