Eine Stunde im Leben: Nicola Forster
Das Magazin/Tages-Anzeiger
1. Juni 2013

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Nicola Forster, 28, Chef des Thinktanks Foraus, hatte einen Termin bei Aussenminister Burkhalter. Und er nützte ihn.

Ich war nicht sehr nervös, als ich im Vorzimmer von Bundesrat Didier Burkhalter sass, dachte aber dann doch: Ein Bundesrat wartet auf dich. Was sagst du genau, wenn du hinter dieser Tür bist?

Neben uns «wachte» der Weibel, und ich ertappte mich dabei, wie ich tatsächlich die Krawatte noch einmal zurechtzupfte. Das mache ich sonst nie. Dann ging die Tür schon auf, wir traten ein, und Bundesrat Burkhalter kam auf uns zu.

Zu meiner Überraschung fand ich ihn ziemlich witzig und schlagfertig. Vorher hielt ich Burkhalter für einen recht trockenen Menschen. Am Anfang haben wir in einem Mix aus Deutsch und Französisch gesprochen – typisch Bundesverwaltung. Dann auf Französisch: Monsieur le Conseiller fédéral.

Unerwartet war für mich, dass er nicht einfach nur zuhörte, sondern auch fragte: Was würdet ihr in meiner Situation tun? Ich dachte, wir müssten zunächst einmal unsere Arbeit als Thinktank vorstellen. Aber Burkhalter wusste bereits alles Wesentliche darüber und wollte gleich Tacheles mit uns reden.

Vor einem Jahr haben wir von «Foraus – Forum Aussenpolitik» eine Studie zum Schweizer Verhältnis mit der EU veröffentlicht. Bundesrat Burkhalter hatte anscheinend Wind davon bekommen. Einige Tage nach der Publikation erhielt ich eine Mail von seinem persönlichen Mitarbeiter: «Am Montag hat Herr Burkhalter von vier bis fünf Uhr Zeit für ein Gespräch.»

Aussenminister Didier Burkhalter ist die entscheidende Referenzperson in der Schweizer Aussenpolitik, folglich auch für unsere Arbeit. Wir sind quasi beide auf dem gleichen Markt aktiv. Es gibt nicht so viele Player in der Schweizer Aussenpolitik. Man versteht sich deshalb als Partner, lotet die Interessen aus. Ich glaube, deshalb kann der Bundesrat auch von unseren Ideen profitieren.

Vor drei Jahren, als wir Foraus gründeten, kamen Treffen mit Politikern oft nur zustande, weil es nach aussen gut aussah. Sie wollten mit uns sprechen, weil wir jung und engagiert sind, aber kaum über die konkreten Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen. Das hat sich geändert. Die Qualität unserer Inputs ist nun entscheidend, nicht unser Alter. Dass Bundesrat Burkhalter ein echtes Interesse bekundete, spürte ich: Er gab während unseres Treffens immer wieder Instruktionen an seinen Mitarbeiter – bring sie mit diesen Leuten in Kontakt, organisiere dort ein Treffen für Foraus, lass uns in diesem Bereich mit ihnen zusammenarbeiten.

Dieses Treffen war daher der endgültige Reality-Check für Foraus: Das Konzept eines jungen politischen Thinktanks geht auf! Es war der Beweis: Die Ideen, die unsere ehrenamtlichen Mitglieder in die öffentliche Debatte einbringen, haben Einfluss auf die Schweizer Aussenpolitik – bis ganz nach oben. Und das, obwohl diese Welt der Diplomatie nach wie vor von älteren Herren dominiert wird – für die wir Exoten sind.

Zwei Monate später hat Burkhalter im Ständerat gesagt: «Ich schätze Foraus sehr. Ihre Ideen zur Europapolitik haben mir bei meiner Arbeit sehr geholfen, und ich messe ihnen grosse Bedeutung zu.» Das war einer der Momente, die meine Arbeit für mich so wertvoll machen – weil sie direkt bei den Entscheidungsträgern ankommt. Ich sehe Foraus als Start-up, in dem viel Herzblut steckt, trotz wenig Lohn. Wenn wir dann solche Signale bekommen, gibt das mir und den mittlerweile sechshundert Mitgliedern eine Menge Energie.

Protokoll David TorcassoBild Herbert Zimmermann

Aktualisiert am 31. Juli 2013

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