Angel Haze
Fräulein
5. Juni 2013

angel

IN DIESEM JAHR IST SIE DIE WICHTIGSTE WEIBLICHE STIMME IM HIP-HOP. DIE WUCHT IHRER TEXTE ZIEHT ANGEL HAZE AUS EINER JUGEND ZWISCHEN MISSBRAUCH UND RELIGIÖSEM FANATISMUS.

Bam! Rapperin Angel Haze ist nicht aufzu- halten. Mit ihren Worten bläst sie die Zuhö- rer weg. Ihre schnellen Wortkaskaden klin- gen düster, zerstört, hart. In Videos tritt sie mit bizarren Masken auf, schlägt in die Linse der Kamera und stampft auf den Boden. In dem Song „Cleaning out my closet“ beschreibt Angel Haze den sexu- ellen Missbrauch, den sie jahrelang er- lebt hat, so detailliert, dass es kaum zu ertragen ist. Ihre Worte klingen dabei wie Salven aus einem Maschinenge- wehr. Entschlossen und gnadenlos. Angel Haze ist so „real“, dass es dem Zuhörer wehtut. Das macht sie mit ihrem kommenden ersten Album „Dirty Gold“ neben dem verkifften Hipster Asap Rocky zur wahrscheinlich wichtigsten Stimme des Hip-Hops in diesem Jahr.

Das ging alles ganz schön schnell. Ein Mixtape mit dem Titel „Reservation“ stellte die gerade mal 21-Jährige im letzten Jahr als frei- en Download ins Netz. Ihre Fange- meinde wurde schnell so groß, dass Majorlabels um sie buhlten. So ähn- lich liefen die Erfolgsgeschichten von vielen jungen Hip-Hop-Künstlern in den letzten Jahren ab. Inhaltlich unter- scheidet Angel Haze sich aber deutlich von ihren männlichen Kollegen, die in ihren Texten immer noch am liebsten Bling-Bling, Bräute und fette Autos abfei- ern. Angel Haze ist ernster. Ausdrucks- stärker, auf eine im Hip-Hop bis heute kaum gekannte Art.

Diese Stärke zieht sie aus ihrer schwierigen Vergangenheit. Ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war. Die Mutter zog in eine strenge, apostolische Glaubens- gemeinde in Virginia. Musik war verboten. Während der Jahre dort wurde Raykeea Wilson – wie Angel Haze mit bürgerlichem Namen heißt – sexuell missbraucht. Zu- flucht bot ihr das Alleinsein: Sie schrieb Gedichte. Mit 16 Jahren durfte sie endlich Musik hören. Doch das war kein Hip-Hop, sondern Coldplay oder Bob Dylan. Erst als sie von Virginia nach Brooklyn, New York, zog, entdeckte sie die Rapmusik. Sie hatte einen unverstellten Blick auf das Genre und konnte die Kunstform Hip-Hop für ihre Zwecke einsetzen, vor allem um die Wut in ihr zu kanalisieren. Die manifestiert sich in ihren messerscharf geschriebenen Texten: Sie rappt vom Schmerz ihrer Jugend und der Auseinandersetzung mit sich selbst – von Selbstmordgedanken und ihrem Kampf mit dem Leben. Angel Haze will in ihren Texten morden, quälen und töten, aber rappt gleichzeitig von Liebe und ihrem Wunsch Kinder zu be- kommen. Sie nennt sich „Superbitch“, wirkt in Interviews oft sarkastisch und unnahbar, aber zeigt sich in ihren Songs gleichzeitig so verletzlich und ehrlich wie nur wenig andere Künstler. Raykeea Wilson ist unter dem Namen Angel Haze zur jungen, wütenden Kämpferin geworden. Und wir als Publikum, wir profitieren enorm von ihrer frischen kraftvollen Stimme. Denn für die Dauer eines Popsongs rockt Raykeea Wilson nicht nur ihren privaten Dreck weg, sondern auch den, der sich in uns angestaut hat.

Aktualisiert am 20. Juni 2013

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