Jane Birkin – “Ich kenne den Schmerz”
Fräulein
5. Juni 2013

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Journalisten geht das Wort Ikone oft viel zu schnell von der Hand. Wenn es tatsächlich zutrifft, dann reicht seine Kraft kaum mehr aus – wie bei Jane Birkin. Trotzdem: Die gebürtige Engländerin, die spätestens seit ihren lasziven Stöhnorgien auf Serge Gainsbourgs Song „Je t’aime … moi non plus“ weltbekannt wurde, ge- hört bis heute zu den großen weiblichen Ikonen der Popkultur der letzten fünf Jahrzehnte. Berühmt war Birkin aber schon vor „Je t’aime“. Als Model und vor allem als nackte Schöne in Michelangelo Antonionis „Blow up“, der heute zu den wichtigsten Filmen des 20. Jahrhun- derts gezählt wird. Aus dem paneuropäischen Sexsymbol der Sechziger wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine angesehene Sängerin, Regisseurin und Schauspielerin, die stets mit den anspruchsvollsten und interessantesten Künstlern arbeitete. Mit Agnes Varda, Alain Rasnais, Jacques Rivette zum Beispiel oder mit Jacques Doillon – dem dritten Mann, den sie heiratete, und der Vater ihrer zweiten Tochter Lou Doillon, mit der sich Jane Birkin in dieser Ausgabe den Titel teilt.

Insgesamt war Jane Birkin dreimal verheiratet. Ihre drei Töchter haben drei verschiedene Väter. Charlotte Gainsbourg ist die Tochter der verstorbenen französischen Chanson-Legende Serge Gainsbourg. Die älteste, die Fotografin Kate Berry, stammt aus ihrer ersten Ehe mit dem ebenfalls verstorbenen Komponisten John Berry. Auch als Mutter ging Jane Birkin nie den geraden Weg, trotzdem sind die Familienbande zu ihren drei kreativen Töchtern eng geflochten. Jane Birkin sagt, dass sie von ihren Töchtern lerne. Lou Doillon brachte ihr bei, wie man „Ich liebe dich“ sagt, erzählt Jane Birkin im Fräulein- Interview. Auch die Neugier hat sie während all der Jahre nie verloren. Das Sendungsbewusst- sein ebenfalls nicht: Neben ihren Filmprojekten möchte sie in Zukunft die Lieder von Serge Gainsbourg ins Deutsche übersetzen lassen, dass noch mehr die Freude und den Schmerz verstehen, der in ihnen steckt.

Frau Birkin, mögen Sie es noch immer, fotografiert zu werden?
Jane Birkin: Ich hatte heute eine wundervolle Zeit mit dem Fotografen. Er war sehr einfühl- sam, voller Energie und kreativ. Es hat großen Spaß gemacht. Ja, ich liebe es, fotografiert zu werden. Besonders weil es nicht oft geschieht. In meiner Wohnung mag ich es besonders gerne, weil ich hier natürlich sein kann. Ich mag es trotzdem, mich zu verwandeln. Im Alltag trage ich immer die gleichen Klamotten. Deshalb finde ich es schön, wenn mir Leute tolle Kleider anzie- hen und ich neue Designer kennenlerne. Aber ich verstehe sowieso nicht, warum die Leute noch Fotos von mir in meinem Alter machen wollen (lacht).

Das ist einfach: Sie sind eine schöne Frau, eine tolle Künstlerin und eine sehr wache Beobachterin unserer Zeit!
JB: Ich habe das Glück, dass mich mein Beruf um die ganze Welt bringt. Kürzlich war ich in Japan und habe an Orten gesungen, wo der Tsunami gewütet hat. Menschen sind mein Leben. Ich werde schlecht gelaunt, wenn ich nicht auf Tour bin, wenn ich nicht singen, nicht spielen kann, sondern zu Hause rumgammle. Gestern habe ich einen tollen Film gesehen, heu- te gehe ich auf ein Konzert, morgen erhält meine Tochter Lou einen Filmpreis. Ich habe Freunde, mit denen ich viel Kultur genieße, dazu meine Töchter und Enkelkinder, die mir ständig neue Welten zeigen. Ich kann nicht stillstehen. Viele Leute ziehen sich mit 66 Jahren zurück. Ich tue das Gegenteil. Bald mache ich einen Film mit Jean Renaud, dann im Herbst „Maggie Smith“ mit Israel Horowitz. Ich bin einfach so froh, aus dem Krankenhaus zu sein und zu leben! (Anmerkung der Redaktion: Jane Birkin litt unter einer Herzbeutelentzündung)

Sie saugen Kultur also richtiggehend auf ?
JB: All meine Freunde sind neugierige Menschen. Sie bringen mich an interessante Orte. Einer meiner Freunde arbeitet an der Oper in Paris. Dann habe ich eine Freundin bei der Oper in London, wo ich vor Kurzem „Matilda“ von Roald Dahl gesehen habe. Ich bin mit meinen Enkelkindern im Eurostar von Paris nach Lon- don gefahren. Es war himmlisch, alle zusammen im Zugabteil. Wenn ich eine tolle Sendung auf Arte sehe, rufe ich Charlotte oder Lou an und sage ihnen: „Schaltet den Fernseher ein!“ Es ist so schön, wenn jemand am anderen Ende der Leitung sitzt und mit dir das Gleiche anschaut.

Kürzlich waren Sie zum ersten Mal zu viert im Fernsehen: Ihre Töchter Kate Berry, Charlotte Gainsbourg, Lou Doillon und Sie.
JB: Ich liebe meine Töchter. Ich habe Enkelkinder zwischen 1 und 26 Jahren. Lou hatte ihr Kind beispielsweise schon mit 19 Jahren – wie ich damals. Und das Schönste: Sie sind alle in meiner Nähe in Paris! Ich schreibe aber meinen Kindern nicht vor, wo sie leben sollen. Wenn sie nach New York ziehen möchten, dann sollen sie es tun. Aber jetzt ist es wunderbar! Auch wenn ich nicht immer eine verfügbare Großmutter sein kann, weil ich oft unterwegs bin. Ich könnte im Moment nicht glücklicher sein: Charlotte ist 40 Jahre alt, Lou ist 30, das passt so wunderbar. Ich höre meine Kinder einmal am Tag und sehe sie ein- bis zweimal pro Woche. Seit 46 Jahren verbringe ich jeden Feiertag mit ihnen. An Ostern habe ich bei Kate zu Hause für 40 Leute gekocht. Es ist großartig, wie meine drei Töchter sich untereinander so gut verstehen und Freundinnen sind. Ich denke, sie haben so viel Spaß. Da kann ich getrost sterben.

Würden Sie nicht viel lieber die Zeit anhalten wollen?
JB: Nein, ich weiß, dass sie da sind. Das macht mich stark. Als ich krank war, haben meine Töchter meine Hand gehalten. Vier Monate lang. Sie waren in dieser Zeit fürsorglich und witzig zugleich. Ich habe viele Fotos von meinen Töchtern zu Hause, aber auch von Serge… Serge ist auch immer da. Aber jetzt, wo ich seine Lieder singe, muss ich ihn nicht mehr jeden Tag vermissen. Es ist jetzt 20 Jahre her. Ich habe seine Stücke kürzlich in Südkorea veröffentlicht. Dort kennen ihn die Leute nicht von früher. Ich habe Serge an so viele Orte mitgenommen – und er hat Standing Ovations erhalten. Wenn man seine Lieder nicht singt, sterben sie. Ich produziere gerne Filme, schreibe gerne – aber nichts ist so schön, wie Serges Lieder 20 Jahre später zu sin- gen. Ich kenne den Schmerz, der ihn inspiriert hat, diese wundervollen Songs zu kreieren. Es sind so viele persönliche Botschaften an mich darin. Ich weiß, wann und wie er sie geschrieben hat, wie er im Studio saß, geweint hat. Es war so schmerzhaft für ihn, dass ich mich so lange schuldig gefühlt habe. Die Menschen verstehen seine Lieder. Nun möchte ich sie auf Englisch und Deutsch übersetzen.

Warum das? Französisch ist doch wunderbar!
JB: Ja, aber ich will, dass alle Menschen seine Texte verstehen. Der Sohn des Mannes meiner Tochter Kate – Ano – hat mit seinen 20 Jahren einen Text von Serge übersetzt. Danach ist er aber bei einem Autounfall gestorben. Schreck- lich (macht eine lange Pause). Serge hat eine neue Sprache erfunden. Deshalb sollte eine junge Person sie übersetzen. Jemand, der keine zu schwere Seele hat, sondern witzig ist. Wow, wenn ich so jemanden treffen würde, würde ich mich sofort verlieben.

Sie erwähnen die versteckten Botschaften in Serges Liedern an Sie. Haben Sie heute Distanz zu seinen Liedern gewonnen?
JB: Die schönsten Lieder hat er geschrieben, nachdem ich ihn verlassen habe. Warum schreiben die Menschen die besten Songs, wenn sie unglücklich sind? Bei Lou war es genauso. Wie Serge gesagt hat: Der Himmel ist langweilig, wenn er blau ist. Er mochte Gewitter. Wenn man glücklich ist, hat man keine Zeit, Lieder zu schreiben. Wenn man glücklich ist, denkt man gar nicht daran. Leider realisiert man immer zu spät, wie glücklich man gewesen ist.

Frau Birkin, Sie schwanken wohl immer zwischen Trauer und Glück?
JB: Auf jeden Fall! Ich kann am Morgen ganz glücklich aufwachen, dann passiert etwas Trau- riges und mein Gemütszustand dreht sich um 180 Grad. Das können kleine Dinge wie ein Foto auslösen. Die meisten Filme sind traurig oder schön. Oder beides gleichzeitig.

Wie gehen Sie mit dieser Achterbahnfahrt um. Wiegen Sie sich gerne in süßer Schwermut?
JB: Es ist nicht falsch, unglücklich zu sein. Und wenn Sie es sind, dann schalten Sie Gustave Malot ein und werden noch sentimentaler. Wa- rum darf man nicht unglücklich sein? Morgen ist wieder ein anderer Tag. Ich wache manchmal von Albträumen auf, weil ich schreckliche Unfälle sehe. Aber das Leben, der Lebensweg ist nie eine Fahrt ins Paradies.

Ist der Weg des Glücks ein langweiliger?
JB: Nimm einfach den Weg, der sich öffnet. Ich habe es früher geliebt, wenn ich mit meiner Mutter die Fähre verpasst habe. Wir hatten unerwartet Zeit füreinander und das war die beste Zeit mir ihr. Weil sie spontan, ehrlich und ungezwungen war. Nichts läuft so, wie du es erwartest. Ein Film wird nicht realisiert, eine Tour wird abgesagt. Dann machst du eben ein Theaterstück. So bin ich beispielsweise sehr stolz auf meinen Film „Boxes“.

Dieser Film zeigt eine Familiengeschichte. Sie spielen selbst mit und auch Ihre Tochter Lou. Ist die Geschichte autobiografisch?
JB: Der Film handelt von einer Mutter-Tochter- Beziehung, gewiss. Es ist aber keine Reflexion über unsere eigene Geschichte. Es hat Geister im Film, der Vater taucht auf. „Boxes“ war mein bester Film bisher. Wenn ich mich in meinen Filmen selber entfalten kann, ist das wunderbar. „Boxes“ war nicht erfolgreich, aber egal. Wichtig ist, dass dieser Film existiert.

Was war die größte Herausforderung für Sie als Mutter?
JB: Als Mutter? Ich war ja nie nur eine Mutter. Lou hatte ihr Kind mit 19 Jahren, genau wie ich mit John Barry. Dann hat er mich verlassen und ich dachte, ich müsste sterben. Ich habe ihn so begehrt, weil er so talentiert war. Ich ging nach Amerika und spielte im Film „Blow up“ diese Nacktszene. Das Leben endet nicht, auch wenn man es manchmal denkt. Ich traf im Anschluss Serge Gainsbourg und mein Leben veränderte sich erneut komplett. Stellen Sie sich vor, John Barry hätte mich nicht verlassen. Ich wäre eine Hausfrau geworden, Suppen kochend und immer von der Angst und Eifersucht um meinen Ehemann geplagt.

Ich kann schwer glauben, dass Sie Hausfrau geworden wären …
JB: Auf jeden Fall! Ich hätte ein bürgerliches Leben geführt und wäre nie nach Frankreich gegangen. Ich hatte damals versucht, die perfek- te Hausfrau zu sein. Kein einziger Film wäre je entstanden. Dann hatte ich mit 25 Jahren meine zweite Tochter, Charlotte – mit Serge zusammen. Viel später wurde dann Lou geboren. Sie ist 16 Jahre jünger als meine erste Tochter. Bei Lou war ich so glücklich, noch einmal Mutter sein zu können. Nicht wie damals mit 19 Jahren, als ich selbst noch ein Teenager war. Ich wurde ehrlicher zu meinen Töchtern, jede hat einen anderen Vater. Für Kate wollte ich immer beste Freundin sein, ich wünschte mir so sehr, dass sie mich liebt, und stellte deshalb keine Regeln auf. Sie fand das verwirrend.

Welche Fehler haben Sie gemacht?
JB: Jedes Kind fragt seine Eltern früher oder später: Bin ich so geworden, wie ihr mich wolltet? Es ist eine ständige Sorge, ob man so wird, wie die Eltern es möchten. Ich habe meine Kinder immer ermutigt, so zu werden, wie sie wollen. Nicht für mich, sondern für sich. Ich war froh, als Charlotte mit zwölf Jahren einen Part in einem Film bekam. Als Kate Designerin werden wollte, habe ich ihr die Adresse von einem Bekannten bei Lanvin gegeben. Jetzt ist sie Fotografin. Ich musste verstehen, dass sich meine Töchter selbst ausdrücken wollten und nicht wie ich eine Rolle spielen wollten. Ich war ja nichts! Keine große Sängerin, keine Schauspielerin, nichts – meine Töchter haben Talent. Ich war einfach für sie da.

Wie sehr hat Sie Ihr Elternhaus geprägt?
JB: Meine Eltern schickten mich auf ein Internat. Das war schlimm, aber ich habe sie nie dafür verantwortlich gemacht. Für meinen Bruder war es gut. Es ist so wichtig zu berücksichtigen, wo- her die Eltern kommen! Meine Mutter kam aus einer Bauernfamilie, sie wollte ein Zuhause und entschied sich deshalb für meinen Vater. Obwohl sie anders war. Mein Vater wollte nie, dass sie Schauspielerin wird. Er war mit dieser schönen Frau zusammen, wollte sie für sich allein. Mein Vater war wundervoll, aber auch egoistisch. Als er starb, war das furchtbar. Kurz zuvor war Serge gestorben. Meine Mutter ging danach aber wieder ins Theater, sie wechselte ihren Namen, hatte eine eigene Show und konnte zum Glück noch 15 Jahre ihres Lebens so sein, wie sie wirklich war.

Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt?
JB: Ich lerne jeden Tag. Ich halte mich zurück, dass ich nicht zu lange mit ihnen telefoniere. Sie haben doch ihr eigenes Leben, und ich erzähle dann immer so viel. Lou hat mich gelehrt zu sagen: Ich liebe dich – ohne dass es sich peinlich anfühlt. Das ist eigentlich sehr amerikanisch, aber eben auch schön. Lou hat es ihrem Vater gesagt und mir auch. Ich musste es wirklich lernen, ihr das auch zu sagen. Kate hat mir gesagt: Vergiss die Vergangenheit, rede nicht mehr davon. Charlotte hat mir gezeigt, wie toll man sich um seine Kinder kümmern kann. Alle Mütter wollen Liebe geben – aber ich habe meinen Kindern auch Liebe gegeben, weil sie mir selbst gefehlt hat.

Sind Sie eine bessere Großmutter als Mutter?
JB: Als ich mit meinen Enkelkindern in den Ferien war, haben wir Piraten und Indianer gespielt. Ich war so glücklich wie noch nie – weil ich selbst wieder Kind wurde. So schließt sich der Kreis. Ich will in diesem Sommer die Kinder und Enkelkinder in mein Haus in Britney nehmen und am liebsten nur noch Piraten und Indianer mit ihnen spielen. Wie bei Peter Pan.

Aktualisiert am 20. Juni 2013

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