Die Filme von Charles und Ray Eames: Poesie in bewegten Bildern
fluter.de
31. Mai 2013

Online-Artikel unter: http://film.fluter.de/de/523/film/11588/

Charles und Ray Eames bei der gemeinsamen Arbeit, 1975 | title

Charles und Ray Eames bei der gemeinsamen Arbeit, 1975 | © akg-images / Erich Lessing

Das Ehepaar Charles und Ray Eames gehört zu den bedeutendsten Designern des 20. Jahrhunderts. Ihre Entwürfe und Möbel stehen millionenfach in Büros, Wohnzimmern oder Cafés – und im Museum of Modern Art, New York. Obwohl die beiden Amerikaner den meisten als Möbeldesigner bekannt sind, ist ihr Werk weitaus vielschichtiger: Architektur, Landschaft, Skulptur, Malerei, Keramik, Bücher, Grafikdesign und sogar Spielzeuge gehören zu ihrem Oeuvre. Die beiden vermieden es jedoch, als Künstler bezeichnet zu werden – lieber nannten sie sich Schöpfer. Ein weiteres, wichtiges Werk der Eames waren ihre Filme: Sie rundeten den Anspruch der Designer ab, den Menschen die Welt durch ihre Augen zu zeigen.

Neues Sehen

Die Eames produzierten zwischen 1952 und 1980 über hundert Filme, nur wenige sind bekannt. Ihre Filme erhielten keine große Aufmerksamkeit in einer breiten Öffentlichkeit, weil viele als Dokumentar- oder Werbefilme im Auftrag entstanden sind und nicht den Weg ins Kino oder ins Fernsehen fanden. Manche produzierten sie für ihr in Kalifornien gelegenes Büro, das noch heute existierende “Eames Office”, um ihre technisch innovativen Möbelentwürfe zu erklären. Manche machten sie einfach nur zum Spaß. Ray Eames war berühmt für ihre Sammelleidenschaft; der liebevoll produzierte Animationsfilm “Tocatta for Toy Trains” (1957) zeigt eine große Variation alter Spielzeugeisenbahnen. Der wohl bekannteste und schönste Kurzfilm der Eames ist und bleibt: “Powers of Ten”, “Hoch zehn”, den sie für IBM produzierten. Der Film zeigt eine imaginäre Reise in das Universum und zurück in den Mikrokosmos – eine perfekte Kamerafahrt in das Innenleben des Menschen. Hier machten Ray und Charles in der Abfolge ihres szenischen Timings Begrifflichkeiten der Wissenschaft und die unvorstellbaren Entfernungen und Größen des Alls fassbar. Ausgehend von einem in einem Park am Lake Michigan liegenden Paar zieht die Kamera auf in die Totale, hinaus in das Weltall. Danach zoomt die Kamera zurück, bis in die kleinsten Atome des Körpers. Und das alles in nur neun Minuten.

Kunst im Auftrag

Die Filme von Charles und Ray Eames sind eigentlich typisches Lehrmaterial für das Klassenzimmer: Oft gibt es Sprecher, die das Gezeigte geduldig erklären, idyllische Musik, Nahaufnahmen von bewegten Gegenständen und Menschen in meist hellem Licht, die fasziniert und angetan mit den neuesten Technik-Gadgets hantieren.

Im Werbefilm “SX-70″ stellten sie die neue Polaroid aus dem Jahre 1972 vor. Wohl auch, um die trockene Produktpräsentation zu brechen, streuten die Eames im Film ihre persönlichen Polaroidfotos ein. So präsentierte das Paar bereits vor 40 Jahren einen Werbefilm nicht als offensichtliches Verkaufsargument, sondern verwischte geschickt Grenzen zwischen Kommerz und Kreation. Filme waren für die Eames ein Werkzeug, ein bewegtes Transportmittel für ihre Ideen und Visionen. In ihnen konnte sie sich vielleicht am besten damit auseinandersetzen, was der Spagat zwischen Auftragsarbeit, Design und Kunst für sie bedeutete.

Technikbegeistert und detailversessen

Auch wenn die Strahlkraft der Eames-Möbelentwürfe in der Öffentlichkeit überwiegt, setzt sich ihr filmisches Werk auf originelle und künstlerische Weise mit der Technik und dem Zeitgeist der 1950er bis 1970er-Jahre auseinander. Wiederum für IBM dokumentierten sie 1964 den Ausstellungspavillon auf der New Yorker Weltausstellung. Hier gelang es ihnen, mit der damals noch nicht bekannten FastForward-Filmtechnik ihren künstlerischen Ansatz gelungen umzusetzen, für einen Film, der eine große Unbeschwertheit ausstrahlt.

Menschen, Ideen, Objekte

Charles und Ray Eames experimentierten mit dem Einsatz verschiedenster Filmtechniken: In “The Fiberglass Chair” etwa nutzten sie die sogenannte Splitscreen-Technik für einen Einblick in die Produktion ihrer legendären Stühle. Das Paar hat auch eine Reihe von 35mm-Stills in den Film über ihr eigenes Haus, das berühmte Case Study House #8, eingebunden: Subtile Details wie kleine Gläser, Fotos oder Zimmer aus verschiedenen Perspektiven ließen sie mit einer speziellen Technik optisch verblassen. Was technisch möglich war, wurde von den Eames ausgereizt – ob in ihren Filmen oder in Möbelentwürfen, bei denen sie mit Schichtholz oder Fiberglas experimentierten.

Charles Eames sagte einmal: “Wahrscheinlich gehört alles zusammen, Menschen, Ideen, Objekte.” Mit dieser nahezu philosophischen Haltung schufen die Eames eine Ästhetik, die heute im Zuge der Retro-Welle von zeitgenössischen Filmemachern wie etwa Wes Anderson verwendet wird – deutlich zu sehen in seinem letzten Film “Moonrise Kingdom”. Die Liebe zum Puren, zu schlichten Gegenständen wie etwa einem bewegten Kreisel, dem sie in einem ihrer Kurzfilme fasziniert zuschauten, spiegelt sich bei den Eames in ihrem ganzen, großen, vielschichtigen Werk.

David Torcasso (29) lebt als freier Journalist in Berlin und Zürich.

Aktualisiert am 17. Juni 2013

Schlagwörter: