Milo Manara: Fantasia Land
L´Officiel Hommes
26. März 2013

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In Paris hat ihn jeder zweite Intellektuelle auf dem Klo liegen. Und selbst Frauen finden seine erotisch-lasziven Pin-up-Comics unwiderstehlich sexy. Wie macht der italienische Alt-68er Milo Manara das bloß?

Haben Sie wie alle Kinder auf dieser Welt oft gezeichnet?
Klar, andauernd. Das Zeichnen ist früh zu meiner großen Leidenschaft geworden. Seit ich denken kann, ist mein Leben mit ihm verbunden.

Dann hatten Sie viele Malbücher und Comics zu Hause?
Nein, gar nicht. Meine Mutter war Professorin. Professoren mögen keine Comics. Sie denken, sie sind schädlich und machen dumm. Weil es darin nicht viel zu lesen gibt. Wir mussten richtige Bücher lesen. Was Comics angeht, gab es bei uns eine Prohibition.

Hatte Ihre Mutter recht?
Nun, es war ein Vorurteil, das damals vorherrschte. Wie heute bei Mobiltelefonen und Facebook, so war es früher bei Comics. Alle hatten Angst, sie bringen die Jungen vom Lesen weg und lassen sie verblöden. Dabei geht es doch immer um die Betrachtungsweise. Nichts ist per se schädlich. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.

Sie sind kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden, wie haben Sie Italien damals erlebt? Meine ersten Erinnerungen stehen mit dem Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang: In Italien herrschte eine große Armut. Nur wenige konnten ihre Schule oder ihr Studium normal fortsetzen. Als Sohn einer Professorin war ich natürlich privilegiert, weil meine Mutter uns immer darin unterstützte, uns zu bilden. Ich konnte deshalb auch ein Kunststudium anfangen.

Danach haben Sie jedoch Architektur studiert. Wie kam es zu diesem Wechsel?
Ich dachte, das sei auch ein interessanter, aber eben vor allem ein „richtiger“ Beruf. Kunst galt damals als unseriös. Doch trotz angefangenem Architekturstudium fing ich schließlich als Assistent bei einem spanischen Bildhauer in der Nähe von Verona an. Seine Frau war Französin und brachte immer Comics aus Frankreich mit. Die Comic-Heldin Barbarella gefiel mir besonders gut. Ich habe mich in diese Comics verliebt, mein Studium abgebrochen und nur noch gezeichnet. Schließlich fand ich sogar einen Verleger.

Wie alt waren Sie damals?
Das war 1968. Ich war 23 Jahre alt. Dieses Jahr war natürlich äußerst interessant. Die 68er-Revolution kam von San Francisco nach Europa, der berühmte Mai 68 in Paris war aufgebrandet und schwappte auch nach Italien herüber. Die ganzen neuen Ideen der Zeit verbreiteten
sich rasch in alle Gesellschaftsschichten und Disziplinen, natürlich auch in die Kunst. In Venedig demonstrierten wir gegen die Biennale. Wir diskutierten über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und stellten die intellektuelle Elite infrage. Comics sind damals aus demVolk he-
raus entstanden und waren deren Ausdrucksmittel. Sie waren auch ein Protest gegen die elitäre Bildende Kunst. Das hat mich bestärkt, noch mehr zu zeichnen

Waren Ihre Comics politisch?
Comics waren ein gutes Mittel, sich mit den Themen der Revolution auseinanderzusetzen. Sie waren in der Studentenbewegung wichtig und verbreitet. Es gab eine große Szene von Untergrundcomics. Die Form des Comics hatte für uns etwas Oppositionelles, das zu den Botschaften damals passte. Am 12. Dezember 1969 gab es ein großes Attentat auf eine Bank in Mailand, bei dem 17 Menschen starben. Dieser Vorfall erschütterte Italien und war sehr gravierend, weil man vermutete, dass der Staat mit einer neofaschistischen Idee dahintersteckt. Bis heute ist das Attentat nicht ganz aufgeklärt. Damals hat es das Land zerrissen. Ich versuchte diese Stimmung in meinen Comics auszudrücken. Comics waren eine Gegenöffentlichkeit zu den sonst kursierenden Medienberichten.

Wie kamen Sie schließlich dazu, nackte Frauen zu zeichnen?
Mein erster Verleger bot mir einen längerfristigen Vertrag an. Ich sollte einen bestimmten Charakter jede zweite Woche in einer neuen Geschichte auf ein Abenteuer schicken. Zu dieser Zeit veröffentlichten Verlage in Italien oft Horror-Comics. Mein Chef damals war aber mehr an erotischen Geschichten interessiert. Ich fand ebenfalls Geschmack daran, weil es eine – im Sinne des Wortes – schöne Arbeit war. Aber ich habe auch in diesen Comics versucht, die Gesellschaft abzubilden und zu hinterfragen.

Wie sah diese Kritik im Zusammenhang mit nackten Frauen aus?
Mein erster Erotik-Comic hieß „The Click“, zu Deutsch: Das Spiel. „The Click“ wurde auf der ganzen Welt berühmt, weil sich eine puritanische Frau dem erotischen Spiel hingibt. Dieser Comic kam zur Zeit der sexuelle Befreiung heraus und stand damit unmittelbar in einem politischen Zusammenhang. Besonders im katholischen Italien rückte das Private und Öffentliche näher zusammen. Die Menschen hatten weniger Angst, sich zu verstellen.

Ihre Comic wurden weltweit wurden weltweit bekannt. Auch bei DC Comics in den USA wurden sie veröffentlicht… „The Click“ wurde wohl auch bekannt, weil er aus dem Gebiet des Comics hinaustrat, verfilmt wurde und auch im Theater aufgeführt wurde.

Herr Manara, nochmals: Warum haben Sie nackte Frauen gezeichnet?
Na ja, ich habe diesen Job doch auch gewählt, um Spaß zu haben. Mit 23 Jahren war ich sehr intensiv am weiblichen Geschlecht interessiert. Wie meine Freunde auch. Wir dachten oft an Erotik. Aber das tue ich auch heute noch (lacht). Frauen sind eine Leidenschaft von mir. Das Objekt der nackten Frau hat in der Menschheitsgeschichte schon immer fasziniert: Klimt, Schiller, Picasso. Alle großen Künstler haben immer wieder dieses Sujet gewählt. Und jeder Künstler hat bestimmt irgendwo ein geheimes Album mit nackten Frauen. Da bin ich wahrlich nicht der Einzige. Ich denke, es war darüber hinaus wichtig für meine Karriere, ein Spezialgebiet zu definieren. Ich lebe ja ausschließlich von meinen Büchern. Ich schäme mich nie für meine Arbeit. Ich bin stolz auf sie.

Warum denken Sie, haben die Leute Ihre Comics gekauft? Sie hätten ja auch einen „Playboy“ mit Nacktfotos kaufen können.
Es gibt einen Unterschied zwischen dem „Playboy“ und Comics. In meiner Arbeit werden Geschichten erzählt. Unser wichtigstes Sexorgan – auch bei den Männern – ist das Gehirn. Comics regen die Fantasie an. Sie haben nicht die Brutalität von Fotos. Wenn ich eine Geschichte über Sadismus erzählen wollte, kann ich diese in der Literatur gut umsetzen. Nehmen wir als Beispiel die Geschichten von Marquis de Sade. Sie mit Film oder Fotografie zu erzählen, ist schwierig bei all dem Blut und der Gewalt. Nur wenige Menschen würden sie sich ansehen. Comics bieten einen Zwischenweg. Sie sind vor allem intellektuell und nicht physisch stimulierend. Ich spreche mit meiner Arbeit den Geist an.

Haben Sie für das Zeichnen der Comics Nacktmodelle engagiert oder entstammt alles aus Ihrer Fantasie?
Für gewisse Illustrationen, die Wahl der Farben und die Arrangements der Anatomie haben Frauen für mich Modell gestanden. Für das Zeichnen der Geschichte natürlich nicht. Das Modell hätte sich ja an sieben Tagen 24 Stunden lang verrenken müssen.

Haben Sie auch Frauen auf der Straße gesehen, also eine reale Frau, die Sie dann in eine Darstellerin in Ihren Comics umgewandelt haben?

Ja, das ist oft passiert. Wobei die Frauen in meinen Comics deutlich schöner sind als die auf der Straße (lacht). Ernsthaft, die realen Frauen sind natürlich viel schöner, weil sie eine Ausstrahlung haben. Meine Arbeit basiert auf Fantasie, es entstehen Träume und dafür braucht es Platz. Es gibt nicht so viel Reibung zwischen der Realität und der Welt meiner Comics, aber die echte Welt ist für uns in meinen Zeichnungen erkennbar.

Lesen auch Frauen Ihre Comics?
Es lesen sogar mehr Frauen als Männer meine Comics! Wenn ich in Europa auf die Festivals in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland oder England gehe, sehe ich immer mehr junge Frauen, die mich nach meiner Arbeit oder nach einer Unterschrift fragen als Männer. Sogar an einem Festival in Rio de Janeiro war das so. Auch mir zugesandte E-Mails und Briefe stammen meist von jungen Frauen. Einige senden mir Fotos von sich zu und schreiben, sie erkennen sich selbst in meinen Figuren.

Wenn ein Mann sich das ganze Leben mit Frauen beschäftigt, denken Frauen, dass er sie versteht, und Sie werden dadurch für sie attraktiv…
Es kann passieren, dass Leser Projektionen und Vorstellungen in einen Autor hineinprojizieren, der solche Comics malt. Ich bin aber nur ein Zeichner und kein Sexexperte. Natürlich schreiben mir manchmal schöne Frauen. Aber da muss ich vorsichtig sein, weil ich eine eifersüchtige Ehefrau habe (lacht). Dabei sehen viele Charaktere in meinen Comics genauso aus wie meine Frau in jungen Jahren!

Sie haben auch für das Modelabel Chanel gearbeitet, wie kam es dazu?
Ich habe zwei oder drei Kampagnen für Chanel gezeichnet. Es waren auch Moodboards für Luc Besson darunter. Er drehte einen Film zum Parfüm Chanel No.5. Diese Arbeit war interessant und gab mir eben eine Abwechslung zu den Frauen, mit denen ich mich meistens beschäftige. Obwohl ich die natürlich am liebsten zeichne. Sie sind mein Leben.

Aktualisiert am 28. April 2013

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