Carsten Fock: Soldat im Schlachtfeld
L´Officiel Hommes
26. März 2013

carsten

Carsten Fock liebt Pop! Er macht T-Shirts, arbeitet mit Bernhard Wilhelm, gestaltet Plattencover und sieht sich trotzdem als ernst zu nehmender Künstler. Dem Titelschriftzug der L’Officiel Hommes verlieh er seine Handschrift.

Carsten Focks Wohnung ist zugestellt mit seinen Bildern. Sie stehen an der Wand, liegen auf dem Boden oder übereinander gestapelt auf Kartonkisten. Er habe hier mehr Bilder als im Atelier, sagt Fock, und nennt sein Apartment eine Studentenwohnung. Es mag daran liegen, dass Fock hier ohnehin nur wenig Zeit verbringt. Meistens ist der Künstler unterwegs. Er reist ständig zu Ausstellungen, verbringt Monate zur Inspiration in Wien und Andratx auf Mallorca oder arbeitet in seinem Atelier.

Vor dem Fenster führen die Gleise der Berliner S-Bahn entlang. Etwas trostlos, aber auch inspirierend. In seinem Schlafzimmer liegen zwei Reisetaschen bereit – eine für längere, eine andere für kürzere Reisen. Carsten Fock ist in Bewegung, im Leben wie auch in der Kunst. Geboren 1968, ist er 19 Jahre alt, als er über die Grenze nach Westdeutschland flieht. Ein Jahr später fällt die Mauer. „Im Osten war die Kunst ideologisch geprägt. Es ging immer um die Lesbarkeit. Das hat mir nicht entsprochen“, sagt der Künstler. Die Entscheidung zur Flucht lässt auf den Mut des späteren Malers schließen, sich dem Risiko auszusetzen und sich ständig mit der Frage zu beschäftigen: „Wohin mit mir“ – im Leben wie in der Kunst. „Malen ist Denken, nicht nur Handeln“, sagt Fock. Er liest in seinen jungen Jahren Texte über Kunstgeschichte und malt etwas hilflos Bilder von Natur und Landschaften. „Ich habe den Inhalt und das Tun anfänglich nicht zusammenbekommen.“

Ein Medium, mit dem sich der Künstler am Anfang seiner Karriere zum ersten Mal richtig austoben konnte, war der Filzstift. Er war nicht mit Bedeutung aufgeladen wie der Pinsel, er war unverbraucht, meint Fock. „Ich konnte den Geruch von Ölfarben zu dieser Zeit nicht mehr ertragen.“ Die Entdeckung des Filzstifts führte auch dazu, dass Fock Typografie und Schriften in seine Bilder einfügte. „Ich setze Begriffe, es entstehen Linien und dann die Architektur.“ Diese Zeichnungen sind aber nur ein Vorspiel für die Gemälde, die Carsten Fock in den letzten Jahren bekannt gemacht haben. „Nach einer Phase des Zeichnens gehe ich in die Malerei über. Ich zeichne jeden Tag, wie Joggen. Beim Malen ist das schwieriger.“ In seinen Gemälden interpretiert Carsten Fock malerische Ideen aus vorigen Jahrhunderten und lässt sie wieder auferstehen. Dabei nimmt er die klassischen Sujets aus ihren gewohnten Kontexten und legt sie neu auf – der Soldat steht nicht mehr im Schlachtfeld, sondern allein da, genauso wie die Maria. Sein Oeuvre ist geprägt von Misstrauen, Heimatlosigkeit, Zähigkeit. Es geht um große Themen wie Religion, Hoffnung – um den Menschen.

Unverwechselbarer ist seine Typografie. Typografie war auch das zentrale Ausdrucksmittel in seinem Crossover von der Kunst in die Mode und Musik. Vor sieben Jahren hat Fock angefangen mit dem deutschen Mode-Designer Bernhard Wilhelm zusammenzuarbeiten. Für Wilhelm gestaltete Fock Schriftzüge und Prints. Er wirkte auch an der Farb- und Materialauswahl mit. „Bernhard hat keine Angst vor Kitsch. Er hat keine Angst, Fehler zu machen, und ist deshalb so frei“, sagt Fock. Die Hinwendung zum Design war damals für Fock eine Erlösung – weg von der Schwere der Malerei, der Einsamkeit des Malers, der allein mit der Leinwand kämpft hin zum kreativen Aus- tausch eines Designprozesses. Für die neue L’Officiel Hommes gestaltete Fock nun den Titelschriftzug. „Solche Zusammenarbeiten bereichern mich“, sagt der 44-Jährige. Auch die Idee für die Gestaltung der LP-Hüllen von Elektromusiker Fetisch/Terranova sei beim gemeinsamen Spaziergang entstanden. Bereits als Student bedruckte Fock T- Shirts mit der Aufschrift „Lives and works in Frankfurt and Main“. Am Anfang sagten seine Kommilitonen: „Das ist doch Popscheiße.“ Dann trugen plötzlich alle die T-Shirts. „Es hat etwas ausgelöst“, sagt Fock heute noch begeistert. Er selbst habe zwar keine Angst vor Pop, sagt er, könne sie bei anderen Künstlern allerdings verstehen. Oberflächlichkeit in der Kunst hat seinen Reiz, aber sie wird schal, wenn nichts anderes übrig bleibt als eine schicke Fassade.

Im Crossover findet Carsten Fock seine Erfüllung, sagt er im Gespräch und strahlt dabei trotz der überlegten Worte eine warme Herzlich- keit aus. Man spürt, dass ihm der Austausch mit anderen Menschen, und strahlt dabei trotz der überlegten Worte eine warm Herzlichkeit aus. Man spürt, dass ihm der Austausch mit anderen Menschen, Kreativen, wichtig ist, sei es mit Wilhelm, Fetisch oder dem Choreografen William Forsythe. Fock treibt die Vorstellung eines künstlerischen Gesamtkunstwerks. Er bewahrt sich die Demut. Er ist hart zu sich selbst, fragt sich andauernd: Kann ich meine Kunst verantworten?

„Ich vertrete in meiner Kunst Positionen, von denen ich hoffe, dass sie auch in zehn Jahren noch Bestand haben. Das ist in der heutigen Welt eine große Aufgabe.“ Die Sehnsucht ist bei Zweifler Carsten Fock immerzu präsent. Sie richtet sich auch auf die Mode. „Ich habe heute nicht mehr so viel Kapazität für Mode wie früher“, sagt Fock, als er einmal 130 Paar Turnschuhe des gleichen Herstellers besaß. Diese Sehnsucht nach der Mode führt aber wiederum zu seinem Ursprung: „In der DDR war die Mode, die Musik begrenzt. Ich sah Lastwagen mit den gleichen Klamotten ankommen und wusste, mir fehlt etwas.“ Fock braucht die Bewegung, einen Zustand, in dem nichts bestimmt ist, es vieles zu hinterfragen gibt. In einer Ausstellung hat er für die Bilder einmal eigene Wände schräg in den Saal bauen lassen. Symbolisch für seine Kunst und sein Tun. Fock erlaubt sich selbst, zu scheitern, sich zu verändern, zu hoffen. Das verleiht seinem Oeuvre eine Dynamik, die in einem großen Misstrauen gipfelt und seine Arbeiten dadurch immer wieder neu positioniert und verhandelt. Kunst ist ein geistiger Freiraum, der sonst fast nirgendwo mehr möglich ist, nicht in der Mode, nicht in der Musik. Diesen Freiraum möchte Fock bewahren – ohne ihn zu isolieren.

Aktualisiert am 28. April 2013

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