Gesucht: Die Blondine in der zweiten Reihe
Neue Zürcher Zeitung
30. Januar 2013

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In der Bibliothek in einen attraktiven Menschen verguckt, aber den richtigen Moment verpasst. Oder mal wieder die Schüchternheit nicht überwunden? Sogenanntes Spotting soll Flirt-Angsthasen an Schweizer Unis auf die Sprünge helfen.
David Torcasso

«Süsses Mädchen mit langen braunen Haaren und hellblauem Pulli. Ich sitze dir schon den ganzen Tag gegenüber und hoffe auf ein Zeichen von dir. Ein Augenzwinkern würde mir schon reichen». Oder: «Gross gewachsener Blonder im 2. Stock in der Bibliothek gesichtet! Ich lächle – lächle doch zurück!»

Fast jeder Student kennt diese Situation: In der Bibliothek gegenüber sitzt die Traumfrau, in der Mensa huscht der gut gebaute Lockenkopf vorbei, in der Vorlesung zwirbelt die geheimnisvolle Brünette mit dem Stift ihre Haare auf. Aber wie im Club, in der Bar oder im Tram: Die wenigsten wagen sich, ihren Schwarm anzusprechen. Besonders nicht in der Uni-Bibliothek, wo Reden sowieso verpönt ist.

Anonyme Nachrichten

Die neuen «Spotted»-Facebook-Seiten an Universitäten in ganz Europa schaffen Abhilfe: Studierende schreiben über die Administratoren der Facebook-Seite eine Botschaft an ihren Schwarm. Nach einer Prüfung werden die flammenden Liebeserklärungen oder die platten Baggersprüche auf der Seite anonym publiziert.

Fühlt sich jemand angesprochen, stellen die Administratoren den Kontakt zwischen den einsamen Herzen her. Die Grenzen zwischen ernst gemeinter, verzweifelter Hoffnung eines scheuen Bücherwurms und mitunter sexistischen Kommentaren von Selbstüberschätzern verwischen.

Weil es jeden treffen kann, ist das Interesse der Studentenschaft gross. Es geht um Eitelkeiten, Bestätigung, Überwindung, Scheu und wie immer die ewige Sehnsucht nach der grossen Liebe – oder zumindest einem Abenteuer.

Ursprünglich kam diese Bewegung aus England, hat in den letzten Tagen in Deutschland ihren ersten Höhepunkt erreicht und nun, pünktlich zur Prüfungszeit, erfasst sie auch die Schweizer Unis. Spitzenreiter ist die Universität St. Gallen. Inzwischen verfolgen fast 2000 Mitglieder die «Spotted»-Facebook-Seite der HSG. Sie ist erst seit wenigen Tagen online.

Auf einen Kaffee

Julie Rielle, HSG-Studentin im Assessment-Jahr, sagt: «Spotten ist der neue Trend an der HSG». Sie selbst sei noch nie «gespottet» worden, weil sie selten in der Bibliothek sei. «Eine Freundin hat durch einen Aufruf auf der Facebook-Seite jedoch eine Bekanntschaft gemacht, die sie nun öfter trifft», berichtet die Studentin. Auch an der Universität und ETHZürich gibt es eine «Spotted»-Seite. Deren Mitgliederzahlen sind allerdings noch nicht so hoch wie bei den Kollegen in der Ostschweiz.

Eine Studentin der HSG, die nicht namentlich genannt werden möchte, sagt: «Mich hat es auch erwischt!» Sie «spotte» aber meist nur in der Bibliothek, manchmal auch in der Sporthalle. «Wobei dort die Muskeln der Jungs im Mittelpunkt stehen.» Sie mache es aus Spass, räumt aber ein: «Es gibt Leute, die das ernst nehmen und mit ihrem Objekt der Begierde in Kontakt getreten sind.» Von ihrem eigenen «Spotter» sei sie in der Bibliothek entdeckt worden. Man habe sich auf einen Kaffee getroffen. Mehr sei daraus aber nicht geworden.

Neu ist «Spotten» nicht. Die bekannte Zürcher Onlineplattform Ron Orp hat auf seinem täglichen Newsletter die Rubrik «Gesehen». Dort haben verpasste Flirtchancen schon bis vor den Altar geführt. In der amerikanischen Erfolgsserie «Gossip Girl» hat die Stimme der Erzählerin jede Einleitung mit den Worten «Spotted» eröffnet. «Spotten» hat nichts mit Spot im Deutschen zu tun, sondern stammt von «spotting», zu Deutsch: auskundschaften.

Gut für das Ego

An den grossen deutschen Universitäten ist die Zahl der «Spotter»-Fans beträchtlich höher als in der Schweiz – im Vergleich zu den Studentenzahlen. Von Berlin über München bis nach Heidelberg grassiert das Spotting-Fieber. Ein Heidelberger Student hat jetzt sogar ein eigenständiges Portal – losgelöst von Facebook – gegründet: Bibflirt. Dort können sich Interessierte direkt bei den Gesuchten melden. Auch ausserhalb der Uni.

Für das Ego erfüllt die Plattform sicherlich ihren Zweck. Und sie hat den Touch der amerikanischen Highschool-Filme in die digitale Welt von heute übersetzt. Wie andere Hypes wird «Spotten» vermutlich wieder an Reiz verlieren. Oder aber noch mehr Bedürfnisse von Studenten hervorrufen: Ähnlich viele Mitglieder wie die «Spotted»-Gruppe hat auch die Gruppe «Verspotted» an der Universität St. Gallen. Dort nutzen Studenten die Gelegenheit, sich online über Missstände und Ärgernisse an der Universität zu äussern.

Die «Spotterin» von der Universität St. Gallen nimmt den Hype nicht allzu ernst: «Ein Trend passt sich an – an den St. Galler Nebel und die intensive Lernphase. Der Frühling kann kommen und dazu wieder die echten Gefühle.»

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Aktualisiert am 31. Januar 2013

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