Kind, wie siehst du nur aus?
Neue Zürcher Zeitung
11. Januar 2013

nzz_20130111_0_0_54

Die Soziologin Diana Weis hat mit dem Berliner Archiv der Jugendkulturen ein lesenswertes Buch über Geschichte und Gegenwart der Jugendmode publiziert.

David Torcasso

Haben Sie früher eine schwarze Lederjacke als Uniform der Unangepassten getragen? Oder «Doc Martens» mit Hosenträger und Glatze? Trafen Sie sich zu illegalen Partys in Kellern? Oder verkörperten Sie das pure Gegenteil: ein schicker Mod mit einer Vespa und Scheitel? Waren Sie gar ein Popper, der mit teuren Mänteln und Loafer bereits mit 16 Jahren wie ein 40-Jähriger wirken wollte?

Arbeiterschuh wird Kultobjekt

Jeder von uns hat Jugendkultur gelebt – und sich bewusst oder unbewusst mit Kleidung als Teil einer Bewegung verstanden. Die Mode des Mainstreams oder der Älteren war stets Bezugspunkt von jugendkulturellen Stilen, die entweder als Gegenpol oder Zerrbild der Gesellschaft funktionierten. Wer kannte sie nicht, die Punks mit ihren von Sicherheitsnadeln gehaltenen Kleidern auf der Strasse? Blättert man heute in einem x-beliebigen Modemagazin, sind die Referenzen an die Punks zahlreich. Kollektionen wie jene von Designer Junya Watanabe sind dem Stil von Besuchern eines Jugendtreffs abgeschaut. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Jugendlichen zu Trendsettern hochstilisiert. Dankbar begann sich die Modeindustrie an deren Image zu bedienen, um ihren Kollektionen etwas Rohheit und Kreativität einzuhauchen. Die Jugendlichen waren die Ersten, die einen neuen Stilbegriff schufen, der nicht nur für Geld zu haben war.

Das Buch «Cool aussehen» zeigt, dass sich Jugendkultur aber über das blosse Tragen von Kleidung hinaus manifestiert. Die Herausgeberin Diana Weis unterrichtete an der Akademie für Mode und Design in Berlin das Fach Modetheorie. Zur Idee des Buches sagt sie: «Irgendwann merkte ich, dass junge Studenten zwar die Ausprägung, aber den Ursprung der Jugendkulturen kaum kennen.» Weis’ Buch versammelt auf 240 Seiten 22 Autoren und ist als Gemeinschaftsprojekt auf einer Crowdfunding-Plattform entstanden. Zahlreiche Bilder stammen aus dem Archiv der Jugendkultur, einer öffentlichen Bibliothek in Berlin, die Mode, Magazine und sonstige Gegenstände der Jugendkultur sammelt. «An der Mode von Jugendlichen fasziniert mich ihre Bedingungslosigkeit – die Identität durch sie ist viel grösser als bei Erwachsenen», erklärt Weis.

«Jugendliche wollen individuell sein, aber trotzdem nicht komplett allein dastehen. Kleidung eignet sich dafür sehr gut, weil man sie direkt am Körper trägt und damit die Persönlichkeit anzeigen kann», so Diana Weis. Die in ihrem Buch getroffene Auswahl ist natürlich unvollständig. Doch gerade weil die Autoren zum Teil autobiografische Bezüge zu diesen Jugendkulturen haben und sie in den Texten verarbeiten konnten, wird das Buch zu einem attraktiven Zeitdokument. Der Leser trifft auf Punks, Popper, Metals, Mods, Emos, Riot Girls oder Technojünger. Oder auf prägende Kleidungsstücke wie die Lederjacke, enge Jeans oder das Palästinensertuch.

So beschäftigt sich Autor Christian Tjaben mit englischen Marken und deren Botschaftern, die in der Punk- oder der Skinheadszene zu finden sind. Er untersucht, wie Sportmarken Kult wurden bei englischen Jugendlichen, die am Samstag ins Fussballstadion gingen. Schuhe der Marke Doc Martens etwa entwickelten sich unter ihnen vom Arbeiterschuh zum Kultobjekt. «Docs» wurden beim Höhepunkt der Mods-gegen-Rocker-Welle in England von Rockern getragen, danach von Skinheads, die Hippies verdroschen. Die Stiefel erlebten Anfang der 1980er Jahre ein Revival, und heute, 2013, sieht man auf den Strassen der europäischen Metropolen erneut viele Doc-Martens-Schuhe.

Des Weiteren befasst sich das Buch mit der Lederjacke, dem Evergreen der Jugendmode, sowie mit der Bomberjacke, einem widersprüchlichen Kleidungsstück, das in Deutschland gerne von rechten Skinheads getragen wird, aber genauso von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dies wohl, weil beide Gruppen mit der ultramaskulinen Silhouette Männlichkeit, Kraft und Gewaltbereitschaft vermitteln möchten. Und dann waren da die Popper. Verstörend an dieser Bewegung war, dass sie die Biederkeit ihrer Eltern als Protest zelebrierten. Es war die hanseatische Variante des Brit Chic, auch benannt nach Hamburgs Reichenviertel Poppenbüttel. 16-Jährige trugen Rolex-Uhren, Lacoste-Hemden und Seglerschuhe. Durch ihre angepasste Haltung wurden die Popper zum Feindbild: der «ehrliche Rock» gegen den «oberflächlichen» Pop.

Junge sehen heute alt aus

Schliesslich kamen die 1990er Jahre mit Piercing, Rave und Techno. In einem Interview schildert Urgestein Martin Wuttke, dass sie ihre Kleidung damals aus dem Altkleidersack rezyklierten und an Partys mit Plateauschuhen aufkreuzten. Parallel entwickelte sich mit Courtney Love als Anführerin Mitte der neunziger Jahre die Riot-Girl-Bewegung, die zwanzig Jahre später in Russland erneut für Furore sorgte.

Einige der Kapitel in «Cool aussehen» sind, für die einst zerrissene Hauptstadt Berlin nicht überraschend, sehr deutsch. Da wird der Stil der Hannover Punkband Blitzkrieg gezeigt oder das Lebensgefühl deutscher Punks – beschrieben von Autor Heinrich Dubel, der selber Punk war. Auch die DDR-Mode wird ausgiebig analysiert. Die bis Ende der 1990er Jahre deutlich benennbaren Ausprägungen der Jugendkulturen fallen mit dem Millennium zusehends auseinander. Die Skinny-Jeans hält Einzug und formt geschlechtsneutrale Jugendliche. Dann folgen der Preppy-Look und bei den Teenagern das Emo-Lebensgefühl, eine Art Neuauflage des New-Wave-Lifestyles. Das Buch schliesst mit einem Fazit: «Die Jungen sehen heute alt aus – ein halbes Jahrhundert Jugendwahn geht zu Ende», schreibt Autor Jan Joswig im letzten Kapitel. Die Erwachsenen wollen nicht mehr wie Jugendliche aussehen, die Jugendlichen dafür wie sie. Dieses Imitieren des Establishments lässt sich so deuten, dass der Druck, schnell in die erwachsene Arbeitswelt einzusteigen, zugenommen hat.

Einst bedeutete Jugendkultur Protest. Heute können die Jugendlichen ihre Stile sekundenschnell über die digitalen Medien verbreiten. Das erschwert Abgrenzung wie Einordnung neuerer Strömungen in erheblichem Masse. Kaum ist ein Trend geboren, ist er schon Mainstream und wird persifliert. Die Codes werden im 21. Jahrhundert komplexer: Eine neue Barbour-Jacke hat heute bereits eine ganz andere Bedeutung als ein abgewetztes Exemplar desselben Herstellers. Das Buch «Cool aussehen» kann bezüglich dieser Phänomene als Nachschlagewerk verstanden werden. Es ist aber keineswegs nur ein visuelles Werk, denn die teilweise jungen Autoren haben sich nicht vor dem Schreiben langer Texte gescheut. Erstaunlich ist nach deren Lektüre die Erkenntnis, dass viele der scheinbar vergangenen Jugendkulturen noch heute auf der Strasse anzutreffen sind und sich in Revivals manifestieren. Die Bomberjacke ist ein Evergreen. Die Lederjacke stirbt sowieso nie. Und Doc-Martens-Stiefel trifft man 2013 zu später Stunde in den Klubs beim Tanzen.

Diana Weis (Hrsg.): Cool aussehen, 240 S., € 36.–. www.jugendkulturen.de

Aktualisiert am 16. Januar 2013

Schlagwörter: