Hannah Cohen
Fräulein
19. Dezember 2012

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Als Model wurde Hannah Cohen von Terry Richardson, Richard Prince oder Ryan McGinley fotografiert. Als Sängerin hat die 26-Jährige gerade ihr erstes Album veröffentlicht. Wir haben die New Yorkerin für unsere Rubrik „Das trag’ ich für die Ewigkeit“ gefragt, womit sie am liebsten beerdigt werden möchte. Hannah Cohen wählte ein Kleid aus den dreißiger Jahren und erzählte uns, wie sie sich ihren Tod vorstellt.

Ich habe mich im vergangenen Jahr oft mit dem Thema Tod beschäftigt. Im Februar ist ein guter Freund gestorben. Ich habe viel Zeit mit seiner Frau verbracht und mit ihr alt. Das ist sehr traurig – aber ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte. Manchmal bin ich gelassen gegenüber dem Tod, manchmal macht mir die leben nach dem Tod weiter, vielleicht in einfach die Lichter ausgehen und Schluss ist. Ich bin kürzlich mit einer Freundin von „Mach dir keine Sorgen. Wir werden nicht bei einem Flugzeugabsturz sterben. Das haben wir nicht verdient.“ Ich denke, ich wer-de im Schlaf sterben. Ganz friedlich, natürlich und unspektakulär.

Viele meiner Freunde und Verwandten sind Musiker und teilweise früh an Krebs oder Alkohol gestorben, weil sie ein ziemlich exzessives Leben geführt haben. Mein Vater hat viel Zeit mit ihnen im Krankenhaus verbracht. Als ich mit 17 Jahren von zu Hause auszog, in New York als Model arbeitete, gerne feierte und häufig aus war, habe ich irgendwann realisiert, dass die Kerze bei diesem Lifestyle relativ rasch runterbrennt. Nun passe ich mehr auf mich auf. Ich bin nicht für dieses  „live fast, die young“-­Ding, das man Musikern gerne zuschreibt.

Ich beschäftige mich auch in meinen Songs mit dem Tod – aber nicht nur mit dem Tod als Ende des Lebens, sondern auch etwa mit dem Tod von Beziehungen. Das Ende der Liebe kann wie ein “kleiner Tod” sein. Ich hatte im letzten Sommer großen Liebeskummer. Ich habe Trauer und Schmerz empfunden. Es hat sich angefühlt, als wäre ein guter Freund oder Angehöriger gestorben. Aber ich habe alles überlebt.

Ich finde den Gedanken, in einem Sarg zu liegen in meiner jetzigen Lebensphase amüsant. Und habe mir mit 26 Jahren auch noch keine großen Gedanken darüber gemacht. Aber mein Sarg sollte auf jeden Fall farbig sein und meine persönlichsten Gegenstände aufbewahren. Ich habe einen kleinen Schrein in meinem Zimmer über einem Cheminée, wo viele kleine Dinge stehen, die ich auf meinen Reisen sammle. Accessoires, Souvenirs, Geschenke, Bücher. Meine Schwester lebt in London, meine Eltern in San Francisco, ich in New York. Auf dem Schrein stehen auch Sachen, die mich an sie erinnern. Die Mutter von meinem Produzenten hat mir vor einigen Monaten ein wunderschönes Kleid geschenkt. Ich trage es auf dem Foto. Es ist von der Mutter ihres Mannes – also aus den 30er-Jahren. Es ist nicht nur schön, sondern trägt auch eine Geschichte in sich. Ich trage es nur zu besonderen Anlässen, etwa für meine Geburtstag. Ich bin so verliebt in das Kleid, dass ich es gerne in meinem Grab tragen würde.

Ich möchte auch, dass an meinem Begräbnis coole Musik, vielleicht von James Brown, gespielt wird. Ich würde mir sowieso wünschen, dass die Leute an meinem Begräbnis eine Party machen. Nicht weil sie sich freuen, dass ich gegangen bin, sondern weil das Weinen und Trauern nicht in meinem Sinne ist. Die Gäste meiner Beerdigung sollten sich auf eine positive Art von mir verabschieden. Meine Familie und Freunde sollten fröhlich, nicht traurig sein, wenn sie das letzte Mal mit mir “zusammen” sind. Ich war mit einer Freundin in Japan und sie erzählte mir, wie sie dort ein Begräbnis veranstalten. Der Körper des Toten wird zuerst verbrannt, dann versammelt sich die Familie in einem Kreis um die Urne, essen Bohnen und verabschieden sich so von dem Toten. Das ist ein sehr schöner Weg. Ich hoffe auch, dass das letzte Essen vor meinem Tod ein besonders gutes sein wird. Weil ich mag gutes Essen.

Die traditionelle Totenzeremonie in der westlichen Welt macht in meinen Augen keinen Sinn mehr. Ein Priester, der dich nicht kennt, spricht über dich – das ist doch seltsam. Das sollten nur deine Freunde tun. Ich habe aber noch genug Zeit zu entscheiden, ob ich mich verbrennen lassen oder in einem Sarg begraben werden soll. Verbrennen und die Asche an meinem Lieblingsort ausstreuen ist irgendwie auch eine schöne Vorstellung. Falls ich begraben werde, sollen mein Grabstein mit einem schönen Spruch beschriftet werden. Ich würde gerne eine Familie und Kinder haben. Die sollten das tun, weil sie mich kennen. Vielleicht wird es aber auch eine Textzeile aus meinen Songs sein. Wobei das ist jetzt noch zu früh. Meine besten Songs habe ich noch nicht geschrieben.

HANNAH COHEN zog im Teenager-Alter von San Francisco nach New York und arbeitete dort als Model. Nebenbei brachte sie sich das Gitarre spielen bei. Ihr Debütalbum “Child Bride” ist bei Bella Union/Cooperative Music erschienen. 

Aktualisiert am 12. März 2013

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