Stilikone Joseph Beuys
Neue Zürcher Zeitung
30. November 2012

nzz_20121130_0_0_55

David Torcasso Die «Soziale Plastik» war der erweiterte Kunstbegriff des deutschen Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys. Er kreierte Kunst, mit welcher er die Gesellschaft verändern wollte. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf das materiell vorhandene Œuvre. Auch Kleidung half Beuys, seine Botschaft zu transportieren. In der Performance «Iphigenie/Titus Andronicus», die Beuys 1969 in Frankfurt zeigte, trug der Deutsche beispielsweise einen Pelzmantel. In Einklang mit einem lebenden Schimmel auf der Bühne verfestigte sich beim Betrachter das Bild des Schamanen. Sonst trug Beuys eine Art Uniform: weisses Hemd, eine Weste mit aufgesetzten Taschen, Blue Jeans, Lederstiefel und den obligatorischen Filzhut (von Stetson). Diese Kleidung schien aus seiner Aktionskunst heraus entstanden zu sein. Beuys war ein «Kunst-Konstrukteur», der einer Arbeitskleidung bedurfte.

Das sah der Künstler selbst genauso. Auf seine Garderobe angesprochen, antwortete er stets: «Das ist eine Aktionsform.» Die Uniform war Beuys’ Identität in der Öffentlichkeit – zumal er sowieso nicht zwischen privat und öffentlich unterschied. So sagte er in einem Gespräch mit Joachim Rönneper einmal: «Seit 1960 trage ich immer dasselbe (. . .) Wie eben ein Hase sich ja auch nicht dauernd umzieht (. . .) Ich erscheine also immer als diese Figur.» Zugleich waren Hut und Weste ein biografischer Hinweis auf seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Damals überlebte Beuys einen Absturz im Schneesturm nur, weil er mit Fett einbalsamiert und in Filz eingewickelt wurde. Diese Materialien prägten sein Werk. Wie viele Avantgardisten versuchte Beuys, sich eine Kleidung zuzulegen, die unabhängig von der Mode funktionierte. Das weisse Hemd als Projektionsfläche, die Jeans als Hommage an die Jugendkultur und den Hut als Schutzfunktion. Beuys’ Kleidung war als «Ikonographie im Bilde» zu deuten, wie es im Buch «Joseph Beuys – von der Kunstfigur zur Kultfigur» heisst. Der Künstler wurde zum Popstar. Selbst Kunstbanausen erkannten Beuys wegen seiner Erscheinung. Er begriff früh, dass zur Kunst die Selbstdarstellung gehört. Beuys verstand Mode als Bruch mit Konventionen, der sich in seiner Funktionskleidung manifestierte. Sein Hut wird heute als Replica auf Ebay versteigert. Der von ihm kreierte Filzanzug ist Museumsstück. Mit diesem wollte Beuys an die Phantasie des Betrachters appellieren. Er verstand ihn als Antithese zum grauen Anzug. Etwas, das Modedesigner in Erinnerung behalten sollten.

Aktualisiert am 16. Januar 2013

Schlagwörter: ,