Fluchen und hoffen, dass es nützt
Gentlemen's Report/NZZ
27. Oktober 2012

Der Schweizer Fernsehmoderator Dieter Moor ist vor neun Jahren nach Brandenburg bei Berlin ausgewandert und hat dort einen Bio-Bauernbetrieb eröffnet. Nebenbei moderiert er Kultursendungen auf ARD oder RBB. Ein Gespräch über Gewitter, existenzielle Krisen und zielorientiertes Schimpfen.

Dieter Moor, 54
Er ist Schauspieler, Bauer und Fernsehmoderator und lebt mit seiner Frau Sonja, einer Filmproduzentin, auf einem Bio-Hof in Brandenburg. Moor war in der Schweiz zuletzt prominent in den Schlagzeilen, weil er in einem Interview mit dem TV-Sender n-tv sagte, manchmal schäme er sich dafür, Schweizer zu sein.

Gentlemen’s Report: Dieter Moor, wo ist das Wetter besser – in Berlin-Brandenburg oder in Ihrer alten Heimat, der Schweiz?
Dieter Moor: Brandenburg wird auch die «Toskana von Deutschland» genannt. Wir haben hier wesentlich mehr Sonnenstunden als im Schweizer Mittelland, im Sommer auch bei vierzig Grad. Aber dann ist es im Winter minus dreissig Grad. Mir gefällt das. In der Schweiz scheinen mir die Jahreszeiten weniger ausgeprägt. Dafür schlägt das Wetter dort mehr aufs Gemüt. Wenn es in der Schweiz regnet, kann es drei Wochen lang andauern. Und wenn es im Winter minus fünf Grad anzeigt, fluchen die Zürcher schon über die Kälte.

Haben Sie sich leicht an das neue Klima gewöhnt?
Als ich 2003 nach Brandenburg gezogen bin, war der Jahrhundertsommer. Zum Verzweifeln! Acht Wochen lang fiel kein einziger Regentropfen. Ich musste mich gleich zu Anfang als Bauer beweisen. Inzwischen herrscht in Berlin-Brandenburg eine Mischung aus atlantischem und kontinentalem Klima. Wobei der Regen sich noch immer kurz vor Berlin auflöst. Als wäre da eine unsichtbare Wand.

Beschäftigt Sie als Bio-Bauer das Wetter?
Das Wetter ist in meinem Job unglaublich wichtig. Ich habe auf meinem iPhone alle Wetter-Apps und Dienste, die ich kriege. Diese Informationen sind essenziell. Wenn ich mich entscheide, auf fünfzig Hektaren Heu zu machen, dann muss es vier bis fünf Tage trocken sein. Wenn das Heu geschnitten ist, liegt es da. Punkt. Es gibt kein Zurück. Somit prägt das Wetter mein Leben als Bauer enorm. Je nachdem freue ich mich über jeden Regentropfen oder über jeden Sonnenstrahl. Als ich noch in Wien gewohnt habe, war das Wetter nicht wichtig. Die Städter nehmen Regen oder Sonne nicht so intensiv wahr. Aber sobald man auf dem Land lebt und jedes Gewitter, jeden Sturm, jeden Hitzetag sozusagen live miterlebt, nimmt das Wetter eine zentrale Rolle im Leben ein. Die Urgewalt des Wetters beruhigt mich. Weil sie seit Jahrmillionen gleich ist. Das, was ich heute sehe, haben schon die Dinosaurier gesehen.

Gehen Sie trotzdem ins Freie, wenn es stark regnet?
Es stimmt schon: «Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur die falsche Kleidung». Alle glauben immer, Bauern würden in Gummistiefeln bei Regen über das Feld stapfen. Ich hasse Gummistiefel! Sie stinken und sind ungesund. Lederschuhe sind genauso wasserdicht, wenn man sie richtig mit Fett einschmiert. Dazu trage ich eine Jacke, die mit Wachs bearbeitet wurde, und einen anständigen Hut mit einer breiten Krempe. Nicht weil das cool aussieht, sondern weil es tatsächlich nützt. Regenwetter kann dann sehr schön sein.

Wie bitte – Regen kann schön sein?
Das ist das Beste am Landleben: Man kann dem Wetter nicht ausweichen. In der Stadt geht man in die U-Bahn, in ein Café oder nach Hause. Wir haben aber auch Hunde, ich habe die Felder, ich muss mehrmals täglich raus. Die allgemeine Meinung, der Sommer ist schön, der Winter ist hässlich, das stimmt für mich nicht. Ich kategorisiere das Wetter nicht mehr. Vor einigen Jahren mochte ich auch nur Sonne und Sommer – und überlegte mir, in ein Land auszuwandern, wo es immer warm ist. Aber jetzt weiss ich: Jede Jahreszeit kann wunderschön sein. Wie auch jedes Wetter. Mittlerweile finde ich ein Land ohne Jahreszeiten langweilig. Es klingt banal, aber auf dem Hof draussen spüre ich, wie der Boden atmet und gegen den Winter langsam in Schlaf fällt. Wenn der Bodennebel aufsteigt oder die ersten Knospen an den Bäumen sind. Das ist sehr spannend, und ich kann das stundenlang beobachten und entdecken.

Hat Ihnen das Wetter schon einen Strich durch die Rechnung gemacht?
Im wahrsten Sinne des Wortes: Ja! Schlechtes Wetter kann die Existenz eines Landbetriebs gefährden. Wenn die Ernte zerstört ist, wird es bei einem Bauer knapp. Ich habe glücklicherweise noch mein zweites Standbein in der Medienwelt. Aber für einen Hof und eine Familie kann es tatsächlich zum Problem werden. Da helfen auch kein Genmais oder andere Mittel der modernen Landwirtschaft. Das Wetter kann eine Bedrohung für uns Menschen sein – nicht nur durch Umweltkatastrophen, sondern eben auch durch die Landwirtschaft. Ich versuche das Wetter als Partner und nicht als Gegner zu sehen. Aber es ist ein Partner, der mich auch immer wieder verarscht. Ich denke: Wo ist der verdammte Regen, der sich angekündigt hat? Ich führe eine turbulente Ehe mit dem Wetter!

In welchen Situationen hat Sie das Wetter schon zur Weissglut getrieben?
Speziell ist wirklich, dass ich vor zwanzig Jahren nie gedacht hätte, mich derart nach Regen zu sehnen. Wer macht das schon? Aber wenn ich durch die trockenen Felder laufe und mich wie in einem Wildwestfilm fühle, weil es einfach nicht regnet und trocken wie in einer Prärie ist, schimpfe ich gen Himmel. Ich fluche laut vor mich hin und denke: «Ich eröffne hier in Brandenburg eine Palmenzucht.» Aber das geht ja auch nicht, weil es im Winter  minus 30 Grad werden kann. Ich schreie und fluche – und hoffe, es nützt.

Haben Sie schon darüber nachgedacht, Wettermoderator zu werden?
Ich habe grossen Respekt vor der Wissenschaft und den Techniken rund um die Bestimmung des Wetters und möchte den Wettermoderatoren keinesfalls zu nahe treten – aber es wäre mir ehrlich gesagt zu langweilig. Mein jetziger Job als Moderator von Kultursendungen ist doch vielfältiger. Aber wie gesagt: Ich hege grosse Bewunderung für die moderne Wettervorhersage. Sie ist manchmal so präzise, dass es Punkt vier Uhr nachmittags zu regnen beginnt – wie Stunden zuvor angekündigt.

Glauben Sie an Bauernregeln?
Nicht wirklich. Ich vergesse Sie auch immer wieder oder bringe sie durcheinander. Das führt dann zu sehr lustigen Sprüchen. Das Wetter ist nicht so doof, über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte immer gleich zu sein. Deshalb sind die Regeln schwer anwendbar in der Praxis. Die Bauernregeln sind wohl mehr ein Sicherheitsbedürfnis für die Bauern selbst und eine Tradition.

Wie sieht Ihr Alltag auf dem Hof aus?
Wir haben Rinder und Schafe auf dem Feld und ziehen sie nach Bio-Richtlinien auf. Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr morgens auf. Auf einem Hof gibt es immer etwas zu tun. Ich repariere einen Zaun, betreue ein Neugeborenes, fahre die Ernte ein. Wir haben auch einen Knecht, wobei man das heute nicht mehr sagen darf. Einen landwirtschaftlichen Mitarbeiter. Auf einem Bauernhof gibt es aber keinen typischen Alltag, weil eben das Wetter und die Jahreszeit bestimmen. In der Erntephase schaue ich Dutzende Male pro Tag auf meine Wetter-Apps. Vorhin rief mich meine Frau an und sagte, sie hätten jetzt den letzten Heuballen ins Trockene gebracht. Zehn Minuten später hat es zu regnen begonnen. Die haben wohl minütlich auf den Wetterradar geachtet. Diese Erfindung ist eine grosse Erleichterung für meine Arbeit.

Sind Sie selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen?
Nein, aber ich bin in einem Bau­erndorf aufgewachsen, wo jeden Tag Kühe durch das Dorf geführt wurden. Ich hatte als Bub eine grosse Beziehung zu den Bauernkindern und fühlte mich dort gut aufgehoben. Ich fand die Bauernkinder interessanter. Sie kriegten immer kleine Jobs von ihren Eltern: Sie mussten auf die Hühner aufpassen, das Heu tragen und waren in den Alltag einbezogen. Wir, die Kinder von Angestellten, waren einfach Kinder. Es war für mich schön, in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ich half auch auf dem Bauernhof eines Freundes mit und bekam Lob. Als ich einmal beim Heuen geholfen hatte, schenkte mir die Bauersfrau einen Ballon, auf dem geschrieben war: «Dem besten Heuer der Welt». Das war in diesem Alter einfach das Beste! Die Bauernkinder wurden von den Erwachsenen ernst genommen und konnten bereits früh mithelfen, erhielten Anerkennung.

Hat Sie diese Kindheitserfahrung dazu bewogen, Bio-Bauer zu werden?
Damals habe ich auch einem Bekannten von meiner Tante auf dem Hof geholfen. Als ich das erste Mal mit einem Traktor gefahren bin, war es wohl so weit. Ich lag am Abend zufrieden im Bett und dachte, heute hast du etwas Richtiges geleistet. Ich habe gerne auf dem Bauernhof geholfen.

Sie sind heute Städter und Naturbursche zugleich. Wie kombinieren Sie das?
Städter klagen ständig über das Wetter oder geraten ganz aus dem Häuschen, wenn schönes Wetter ist. Vor allem wenn es sonnig und warm ist, vergessen sie, dass draussen auf dem Land einige Bauern am Stöhnen sind. Diesen Sommer klagten viele über den Regen und das durchzogene Wetter. Für mich war es ein guter Sommer!

In welchen Momenten nehmen Sie die Launen des Wetters besonders intensiv wahr?
Etwa wenn der Blitz in der Nähe meines Hofs einschlägt, fahre ich auf die Weide und schaue, ob eine Kuh getroffen wurde. Es ist toll, sich mit dem Jeep durch Hagel und Sturm zu kämpfen, mit schnellen Scheibenwischern, und der peitschende Regen, der auf die Karosserie prasselt. Am nächsten Tag sitze ich vielleicht schon wieder in einem Fernsehstudio und mache Aufnahmen.

Wie kombinieren Sie diese zwei völlig unterschiedlichen Welten?
Der Medienjob ist kurzlebig und hektisch. Die Tätigkeit als Bauer langlebiger und ruhiger. An einem Boden arbeitet man zehn Jahre lang. Die Natur gedeiht nur langsam. Ein Millimeter Humus pro Jahr. Das Resultat dieser Arbeit sehen wir gar nicht mehr, sondern erst die nächste oder übernächste Generation. Das macht mich zufrieden. Aus der Medienwelt bleiben ein paar Kassetten oder DVDs. Das ist alles sehr vir­tuell und hat keine Konsequenzen für die Welt – und entscheidet nicht über Leben und Tod. Ich habe die Verantwortung für Hunderte von Lebewesen. Meine Tätigkeit als Bauer hat Folgen, die als Moderator weniger. Einen Wald zu pflegen ist etwas komplett anderes als eine Sendung abzudrehen. Die Nutzniesser der Bauernarbeit sind noch gar nicht auf der Welt. Das Gegensätzliche in meinem Leben ergibt aber trotzdem etwas Rundes. Ich brauche beide Leben. Denn sie machen die beiden einzelnen Jobs wertvoller, weil ich die Abwechslung habe. Ich könnte nicht nur auf dem Hof sein, aber auch nicht nur immer im Fernsehen.

Sie haben jetzt noch ein zweites Buch über Ihr Leben als Bio-Bauer in Brandenburg geschrieben. Hand aufs Herz: Was gibt es denn noch zu erzählen?
Ich habe viele weitere tolle Geschichten aus Brandenburg aufgeschrieben. Eben genau deshalb, weil alle glauben, dort passiere nichts. Dabei ist es voll von Überraschungen und besonderen Momenten, Menschen. Aber die verblassen vielleicht neben der Coolness von Berlin. Brandenburg und ich ist ein Zusammenprall der Welten. Ich möchte dem Klischee des jammernden und unzufriedenen Brandenburgers entgegenwirken. Diese Geschichten habe ich schon im ersten Buch zusammengetragen. Es war wohl daher einigermassen erfolgreich, weil seit längerer Zeit auch schon niemand mehr über Brandenburg geschrieben hat. Im neuen Buch kommen noch mehr Tiere, noch mehr Integration von mir in dem Dorf dazu. Ein drittes Buch werde ich aber wohl nicht schreiben. Obwohl es von den Geschichten her auch noch ein viertes, fünftes oder sechstes Buch geben könnte. Ich lebe ja jeden Tag, und dadurch sammelt sich vieles an!

Text: David Torcasso Fotografie: Gregor Hohenberg

Aktualisiert am 30. Oktober 2012

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