Zurück zu den Anfängen
Neue Zürcher Zeitung
19. Oktober 2012

 

Peter Saville, Grafikdesigner von Weltrang, über seine lebenslange Suche nach dem künstlerischen Freiraum

Der Grafik-Pionier Peter Saville schuf weltbekannte Plattenhüllen und Modekampagnen. Heute ist der 57-Jährige Künstler und Creative Director der Stadt Manchester. Eine Begegnung in London.

David Torcasso

Peter Saville ist das, was man mit Fug und Recht eine Legende nennen darf. Mit Plattencovers für stilprägende Bands wie Joy Division oder New Order wurde der Brite weltbekannt. In den neunziger Jahren prägte er als Gestalter das Image von Modemarken wie Yohji Yamamoto oder Jil Sander mit seinem avantgardistischen Stil. Heute widmet sich der 57-Jährige in seinem Studio in East London wieder bevorzugt seiner grössten Leidenschaft: der Kunst.

Trifft man Peter Saville in seinem Studio, das zugleich auch seine Wohn- stätte ist, legt er sogleich los. Saville erzählt gerne Geschichten. Auch wenn er sich manchmal darin verliert und Fragen nur als Stichworte wahrnimmt, hört man dem Briten gerne zu. Gerade weil er sich nicht als grossen Grafik-Guru feiert, sondern offen erzählt, welche Zufälle sein Leben geprägt haben. «Meine Karriere war eine ständige Suche», sagt Saville und setzt sich vor die imposante Bücherwand in seinem Studio.

Sein erstes Buch klaute er aus einer Bibliothek, es hiess «Pioneers of Modern Typography» und offenbarte dem jungen Grafikdesigner, dass U-Bahn- Tickets, Milchtüten oder Magazine auch anders gestaltet werden können. Zur gleichen Zeit gab es einen«coup d’etat» in der Pop-Kultur, wie Saville erzählt. Er wollte bei der Entstehung des Punk in England mit dabei sein. Und so gründete Saville mit Tony Wilson Ende der siebziger Jahre das Plattenlabel Factory Records in seiner Heimatstadt Manchester. Dank Joy Division und New Order sollte es bald Kultstatus erlangen.

Dem eigenen Zeitgeist folgen

Für seine ersten Plattencovers sammelte der junge Grafiker Bilder aus Kunstmagazinen oder Typografiebüchern und reduzierte sie auf ein schlichtes und damals wegweisendes Design. «Ich bekam oft eine weisse Fläche, die ich ganz frei gestalten konnte», schwärmt Peter Saville. Plattencovers seien damals die Kunstsammlung junger Menschen gewesen, die man stolz ins Zimmer stellte.

Der Grafikdesigner gestaltete auch für den Sänger Bryan Ferry oder Bands wie Pulp legendäre Plattencovers. «Ich folgte immer meinem Zeitgeist», sagt Saville, das deutsche Wort elegant auf Englisch benutzend. «Der Radar für das Jetzt und die Synergie des Moments» hätten seine Arbeiten stets geprägt.

Ende der achtziger Jahre wandte sich Saville aber von der Musikbranche ab: «Pop-Musik ist Jugendkultur. Für mich war es deshalb an der Zeit, diese Spielwiese zu verlassen.» Dafür fand Peter Saville in der Mode ein neues Zuhause. Nick Knight, heute einer der bekanntesten Fotografen der Welt, fragte Saville Ende der achtziger Jahre an, einen Katalog für den damals extrem hippen japanischen Designer Yohji Yamamoto zu gestalten. «Sie fanden meine Plattencovers ‹fashionable› und meinten, diese Bildsprache passe zur Mode», sagt Saville. Es folgten Jil Sander und andere Modedesigner. Fashion wurde für Saville während eines Jahrzehnts die dominierende Konstante seines Schaffens.

1999 hatte Peter Saville auch davon genug und schloss sein Studio. «Eine Legende zu sein, reicht nicht für Jobs», erinnert er sich. Saville stieg als Partner bei der renommierten Kommunikationsagentur Pentagram ein. Dort verdiente er zwar viel Geld, war aber unerfüllt: «Ich war plötzlich ein professioneller Communication-Designer», und das behagte dem Freigeist nicht. Schon nach einem Jahr verliess er die Agentur wieder: «Ich wollte kein ‹hitman› für Kooperationen mit Grosskonzernen werden – nur um die Abwandlung eines New-Order-Covers auf einer Werbung für eine Bank zu sehen.»

Grafik als Weg zur Kunst

Seit knapp zehn Jahren wohnt Peter Saville nun mit seiner Lebenspartnerin im Londoner Studio. Die gebürtige Berlinerin war es, die ihm den entscheidenden Hinweis zu seiner jetzigen Berufung gab: «Kunst ist die letzte Freizone.» Davor hatte Saville zehn Angestellte, die er bezahlen musste. «Selbst habe ich nie wirklich Geld verdient», kokettiert er. «There’s no such thing as a free lunch» – man bekommt nichts geschenkt –, so zitiert Saville den Ökonomen Milton Friedman. Also wagte er den Ausstieg, um sich der Kunst zu widmen.

2005 stellte Peter Saville im Migros-Museum Zürich unter dem Titel «Estate» aus, vor kurzem wurden seine Arbeiten in London und Berlin gezeigt. Und mit einiger Genugtuung stellt Saville fest, dass die Kunstwelt nun, Dekaden später, ein Auge auf seine frühen Arbeiten als Grafiker wirft. 2002 erschien das Buch «Designed by Peter Saville» bei Frieze, 2007 bei JRP Ringier «Peter Saville Estate 1-127».

Nebst seiner Arbeit als Künstler bleibt nur noch Platz für ein Mandat: Peter Saville ist auch Creative Director der Stadt Manchester. In den letzten sechs Jahren verlieh er seiner Heimatstadt ein neues Image und gibt neue Impulse in den Bereichen Sport, Kultur oder Bildung. «Auch wenn es manchmal anstrengend ist, fühlt es sich gut an, wenn ich mit dem Zug nach Manchester fahre und etwas für meine Heimatstadt tun kann», sagt Saville.

Nach Jahren des Suchens macht der Grafik-Pionier Peter Saville nun also genau das, was er schon immer tat – einfach wieder in reinster Form. «Design, Fotografie und Fashion bildeten für mich immer ein kohärentes Ganzes, über die ganzen Jahrzehnte hinweg», sagt Saville. Und so liest sich seine Arbeit: als Collage einer kulturellen Diffusion. Heute sagt der 57-Jährige: «Grafik ist Kunst für junge Leute, die sie zu etwas Grösserem hinführt» – etwa zur Kunst.

www.petersaville.com 

Aktualisiert am 20. Mai 2013

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