Ein anderes Tempo
Gentlemen's Report/NZZ
29. September 2012

Text und Bilder: David Torcasso

Auf den Spuren der Cowboys durch Arizona. 

Tief in der Sonora-Wüste höre ich es zum ersten Mal: «John Wayne war hier.» Es sollten noch viele weitere solcher Ehrerweisungen folgen. Schliesslich ist Arizona die Heimat echter Männer, der Cowboys. Viele kennen den US-Staat Arizona, der ungefähr die Grösse von Frankreich hat, vor allem wegen seiner Golfplätze. Dabei sind die echten Schätze des «Grand Canyon State» seine Ranches. Als Urban Cowboy wird einem das bewusst, wenn man zum ersten Mal auf einem Pferd sitzt und der Präriewind die Stadtluft wegpustet.

John Wayne war in Rancho de la Osa. Wie auch Filmcowboy Tom Mix, Schrifsteller Zane Gray oder die US-Präsidenten Franklin Roosevelt und Lyndon B. Johnson. Bereits in den 1920er-Jahren war die bunte Ranch mit den schnörkeligen Mustern und leuchtenden Farben sowie dem kunstvollen Interior ein Geheimtipp. Die Ruhe und Schönheit der südlichsten Region von Arizona, eine Meile von der mexikanischen Grenze entfernt, fasziniert.

Westlich der Kleinstadt Nogales reitet man der mexikanischen Grenze entlang, die seit rund drei Jahren von einer hässlichen Mauer geschützt ist. Rancho de la Osa liegt tatsächlich am «end of the road», das man aus Hollywood-Filmen kennt. Apropos: Das trockene und staubige Land rund um die Ranch – 90 Minuten Autofahrt südlich von Tucson – ist John-Wayne-Land pur. Mit einer ereignisreichen Geschichte inklusive Apachenjagd, Rinderzucht und Schiessereien. Heute sind die grauen Täler und Hügel, wo sattes Grün nirgends zu sehen ist, die Heimat Dutzender von Gäste-Ranches.

Millionen von Sternen schmücken den kristallklaren Himmel in der Nacht. Ein Bad im Swimmingpool, ein deftiges Essen und ein Feuer im Cheminée – so kommt die Zeit zum Stillstand. Die Hacienda mit den Pferdesattel-Stühlen lädt zum Festmahl ein. Besitzer Richard hat ein Vermögen in Südwest-Kunst investiert, die am alten Gemäuer hängt. Ergänzt von Fotos von Celebrities aus früheren Dekaden, die irgendwie den Weg in den tiefsten Süden gefunden haben, lange vor der Erfindung des Internets.  Ich frage mich, wie die Stars vor Jahrzehnten ohne GPS und Google Maps überhaupt zu Rancho de la Osa gelangten?

Weiter geht es nach Nogales zur historischen Hacienda Corona de Guevavi – auch dort weilte John Wayne, wie zahlreiche Fotos in der Lobby belegen. Sie hängen neben einer Auswahl fabelhafter Stierhörner. Über meinem Bett hängt ein Rinderschädel. Einmal, als ein Paar seine Flitterwochen hier verbrachte, sei es heruntergefallen, berichtet die Besitzerin Wendy Stover. Sie war früher Managerin bei Coca-Cola, bis sie ausstieg und die Ranch erwarb. Die Hacienda ehrt mit dem Namen Salvador Corona den mexikanischen Wandmaler und Stierkämpfer, der den Hof mit Szenen aus dem Bauernleben verzierte. Viele Filmstars suchten Frieden und Ruhe auf der Ranch, weitab von den Lichtern Hollywoods. Eine Tradition, die fortdauert. Reiten, Fuhrwerk fahren, Hochzeiten, Flitterwochen, Klassentreffen und Faulenzen am Pool locken Gäste aus aller Welt hierher. «Arizonas Wüste ist ruhig und unspektakulär und genau deshalb so beliebt», sagt Wendy und setzt mir einen Cowboyhut auf.

Südlich des Weilers Patagonia liegt Circle Z. Die Guest Ranch wurde bekannt durch Hollywoodstreifen wie «City Slickers». Über hundert Pferde stehen zum Reiten bereit. Hier geht es um den Cowboy-Lifestyle und die Natur in ihrer reinsten Form.

Pferdereiten klingt kompliziert, macht aber grossen Spass und ist kinderleicht. Mit einer Trittleiter geht’s hoch, ich schwinge mein Bein über das Tier und setze mich auf den abgewetzten Ledersattel. Der Wrangler zieht Riemen und Leine an, und mein Gaul Tomayo setzt sich in Bewegung. Was ich nun noch brauche, ist ein Cowboyhut. Ich durfte mir vor dem Ausritt auch die richtigen Stiefel aussuchen – da Jeanshemden im Moment sowieso in Mode sind, hatte ich eins im Koffer.

Der Wrangler reitet mit uns gemächlich durch die steinige Landschaft, hoch zu einem Hügel, von wo ich Berge, Kakteen und Sträucher ohne Ende sehe. Tomayo lässt sich wie ein Fahrrad lenken – an der Seite leicht ziehen, dann geht es nach links oder rechts, die Leine an den Körper nehmen, das Pferd bleibt stehen. Drückt  man mit den Sporen in die Seite, galoppiert es los. Wenn Tomayo will, auch ganz schön schnell.

Östlich von Tucson ist die Tanque Verde Ranch mit über 60 000 Quadratmetern Fläche kaum zu übersehen. Das Konzept ist hier noch etwas ausgereifter als bei den ländli-chen Ranches. Das Angebot umfasst Reitstunden, Wandern, Mountainbiken, Tennis, Angeln, Schwimmen, Kinder-Programme, Spa-Wellness, ja sogar Heiraten. Residieren kann man in einem der rund hundert Zimmer, Suiten und Casitas. Ich fühle mich wie Lucky Luke, wie ich auf meinem Pferd Kühe durch ein Gehege jage – «hier ist alles authentisch», ruft mir Ranch-Besitzer Mister Gold zu.

Die lebendige Geschichte von Südarizona erfährt man auch durch die vielfältige Kunst in vielen kleinen Künstlerkolonien wie etwa Tubac, wo praktisch die gesamte Stadt aus winzigen Läden mit einheimischer spanischer Kolonial-und Südwest-Kunst besteht. Der Geist von John Wayne ist hier auf Hunderten von Malereien und Stichen verewigt. Mitten in der trockenen Wüstenlandschaft stösst man auf eine künstliche Oase – das Tubac Golf Resort. Auch hier ist Hollywood präsent. Gegründet von Sänger und Schauspieler Bing Crosby, erlangte die grosszügige Golfanlage Berühmtheit durch Kevin Costner’s Golffilm «Tin Cup», der hier gedreht wurde. Das Wasser für die satten grünen Wiesen beziehen die Betreiber vom nahegelegenen Santa Cruz River.

Die spannende Geschichte, die warmen Winter und die vielen Ranches und Resorts in Arizona sind für Europäer perfekt zum Entspannen. Die wirkliche Faszination der Region liegt aber in ihrer Zeitlosigkeit. Die Menschen sind gemächlich, und Ranchen ist nichts für Partylöwen. Die Einheimischen gehen früh zu Bett und stehen mit den ersten Sonnenstrahlen um sechs Uhr morgens auf. Die endlose Landschaft, die filmreifen Sonnenuntergänge, der riesige blaue Himmel und ein Drink vor dem Abendessen machen das Leben der Südstaatler aus.

Die Gerüchte von den Gefahren des Drogenhandels nahe der Grenze sind wohl recht überzogen. Abgesehen von dem gelegentlichen Dröhnen eines Helikopters der «Border Control» kriegt man davon fast nichts mit. Was hingegen sehr deutlich spürbar ist: Die Leute in Arizona mögen Präsident Barack Obama nicht. Und die Mexikaner auch nicht wirklich.

Die jungen Leute aus Arizona gehen an einem Freitagabend nicht clubben, sondern versammeln sich in einem Pub und schauen Rodeo. Mutige, muskulöse Kerle schmeissen sich dabei in einen Overall und setzen sich auf einen Stier. Länger als acht Sekunden schafft es keiner, auf dem wild herumtobenden Tier zu bleiben. Die Leute jubeln den Gladiatoren zu, nachdem sie abgeworfen werden. Ich würde es auch gerne versuchen, doch Reiseleiterin Kara warnt mich: «Du würdest dir das Genick brechen.»

Zurück auf Rancho de la Osa steht der pensionierte Anwalt Richard Schultz vor einem riesigen Saguaro-Kaktus und blickt in Richtung mexikanische Grenze, am Ende seine Grundstücks. Dort steht die Stahlmauer, die Migranten aus Mexiko von den USA fernhalten soll. «Die Leute müssen ihr Leben verlangsamen, damit sie es wieder zu schätzen lernen», sagt Schultz nachdenklich. «Die Wüste zeigt diese Nuancen, diese Feinheiten auf. Es geht hier um Poesie und die Schönheit der Natur. Die Menschen müssen einen Weg finden, sich der Wüste und den Gesetzen der Natur anzupassen.»

Im Westen der Ranch geht eine gigantische Sonne langsam unter und verwandelt den azurblauen Himmel in ein gelbes Feuer. Ein Pferd neigt den Kopf ins Gras, ein Vogel landet auf einem Kaktus, der Duft vom Barbecue weht von der Hacienda her durch die Luft. Für einen kurzen Moment sehe ich den Schatten von John Wayne, der über die offene Wüste reitet – in eine Welt, in der nichts mehr existiert ausser den Weiten der grossen Sonora-Wüste. Für diesen kurzen Augenblick ist mein Kopf ganz leer. Das fühlt sich gut an, denn es geschieht ganz selten.

Aktualisiert am 2. Oktober 2012