Mein Stil – Daniel Heer
Gentlemen's Report/NZZ
29. September 2012

Text: David Torcasso Fotografie: Achim Hatzius

Der in Berlin lebende Schweizer Daniel Heer produziert bereits in vierter Generation Rosshaarmatratzen. Dabei legt er so viel Wert auf Authentizität und Handwerk wie in seiner eigenen Garderobe. 

Gentlemen’s Report: Daniel Heer, was ist Ihr Stil?
Es geht darum, wie man sich in Kleidung bewegt, wenn man sie trägt – und den Stil auch bricht. Ich stamme aus einer Handwerkerfamilie und würde nie bei Ikea oder H&M einkaufen. Ich brauche bei einem Objekt – auch bei Kleidung – eine Aussage. Es kann etwas sehr Altes sein – oder auch von Jungdesignern. Denn mich treibt nicht die Nostalgie, sondern eine Sehnsucht nach Erneuerung.

Steht man mit dieser Haltung heute nicht auf verlorenem Posten?
Ich mache mir Gedanken, was hinter einem Gegenstand steckt, woher er stammt und welche Geschichte er erzählt. Es gibt Objekte, die schön sind, mit denen aber gelebt werden muss. Alles begleitet einen letztlich nur eine gewisse Zeit. Objekte sind Leihgaben. Ausser man pflegt sie, wie etwa eine Ledertasche, die Sprache oder auch eine Matratze. Wenn Material lebt, behält es seine Grazie.

Was ist Ihr Lieblingskleidungsstück?
Ich habe einen schönen Strickpullover von Jil Sander. Dazu habe ich einen persönlichen Bezug, weil ich die Frau, die die Strickmode für das Label gemacht hat, kenne. Er ist gut verarbeitet und weist Tiefe, Struktur und Zeitlosigkeit auf – und er sitzt gut.

Suchen Sie auch bei Ihrer Kleidung nach Authentizität?
All meine Kleider erzählen eine Geschichte. Ich schätze klassische Stoffe und Materialien, was aber nicht heisst, dass ich nur Tweed trage. Ich brauche immer einen Bruch in einem Objekt – sei es bei Kleidern oder Möbeln. Dinge sollten einen Bruch aufweisen, damit sie interessant sind. Auch meine Rosshaarmatratzen haben zwar einen traditionellen Hintergrund, werden aber zeitgenössisch neu interpretiert.

Was ist so besonders an Ihrer Rosshaarmatratze?
Man lässt diesen schlichten Gegenstand so, wie er ist. Und hat eben auch Mut dazu. Ich bleibe beim Ursprung und verziere die Matratze nicht. Sie hat keinerlei Schnickschnack. Alles ist klar und bleibt wie es war – in einem modernen Kontext: Das Haar, der Stoff, die Verwendung. Eine Rosshaarmatratze ist pur und ist, was sie ist.

Ihre Kunden stellen die Matratze auch ins Wohn- statt ins Schlafzimmer.
Das ist ein Statement. Über die Hälfte meiner Kunden brauchen die Rosshaarmatratze als Daybed im Wohnzimmer. Sie nehmen die Matratze aus einem intimen Rahmen und stellen sie in eine repräsentative Umgebung. Sozusagen vom Dunklen ins Helle.

Ist das im Sinne des Produktes?
Durchaus. Diese Kunden kehren auch zu einer alten Tradition zurück: Bei meinen Urgrosseltern stand die Matratze in der Küche. Sie war das Zentrum des Hauses, dort war es warm, und die Familie hat dort zusammen gegessen. Im 21.  Jahrhundert gibt es vielleicht Leute, die sich gerne hinlegen, ihr Handy ausschalten und sich Zeit nehmen. Tradition ist immer ein Seiltanz.

Welche Möbel stehen bei Ihnen zu Hause?
Ich lebe zurzeit sehr frei und nicht häuslich. Meine schönsten Stücke sind Kleider. Diese kann ich überall mitnehmen. Sie binden mich nicht an einen Ort und fixieren mich nicht an eine Einrichtung. Das ist auch bei meinen Taschen erkennbar: Sie sind aus schlichtem Leder und erhalten erst durch Bewegung und Einsatz ihren Charakter.

Warum sind Sie nicht Modedesigner geworden?
Ich wollte meine Familientradition weiterleben. Wären meine Eltern Schneider gewesen, würde ich heute vielleicht Anzüge machen. Ich liebe die Rosshaar­matratze, weil sie etwas Besonderes ist. Ich verändere sie nicht wie ein Designer, sondern versuche das Handwerk stetig zu perfektionieren.

Daniel Heer, 34, stellt in vierter Generation in Handarbeit Rosshaarmatratzen her – so wie schon sein Urgrossvater, der 1907 die erste Rosshaarmatratze in Luzern produzierte. Neben den Matratzen kreiert Heer auch Ledertaschen und Möbel. Inzwischen verkauft er sie nach Amerika oder Japan oder baut individuelle Anfertigungen in exklusive Jachten ein. Eine Rosshaarmatratze von Daniel Heer kostet rund 5000 Franken. 

Im September eröffnet er einen eigenen Laden am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte.
www.danielheer.com

Aktualisiert am 2. Oktober 2012

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