Das Glück im kleinen Massstab
Gentlemen's Report/NZZ
29. September 2012

Text: David Torcasso Fotografie: Yves Suter

Der ferngesteuerte Helikopter ist die Märklin-Eisenbahn des 21. Jahrhunderts. Fünf Männer zeigen, warum ihre Autos, Flugzeuge, Helikopter oder U-Boote im Miniformat mehr als blosse Spielzeuge sind, dass sie für ein Gemeinschaftsgefühl und Ausgleich im Alltag sorgen.

FLORIAN BAUMANN LÄSST ES GERNE KRACHEN

Als Bub erhielt Florian Baumann von seinem Vater ein Segelflugzeug aus Balsaholz geschenkt. «Ich musste jedes Teil einzeln zusammen leimen. Das war kompliziert», erzählt der 25-Jährige, der schon immer von der Fliegerei fasziniert war und als Kind Pilot werden wollte. Trotzdem wurde sein erstes Flugzeug nie fertig.

Baumann kam erst wieder auf den Geschmack, als er vor zwei Jahren bei einer Filmproduktionsfirma in Zürich seinen Job antrat. Damals lieh ihm ein Kollege nach Feierabend einen Flieger aus – «den ich nach zwei Minuten im Boden versenkte», lacht Baumann. Die leichten Flugzeuge aus Styropor seien schnell beschädigt gewesen, sagt er.

Weil ihn das schlechte Gewissen plagte, kaufte ihm Baumann einen neuen Flieger. Und sich selbst auch gleich einen. Seither lässt ihn die Miniaturfliegerei nicht mehr los. Die Freunde gehen bis zu zweimal pro Woche auf das Flugfeld. Ausser alle Maschinen sind wieder einmal mehr kaputt. «Dann sind alle frustriert und machen ein paar Wochen Pause – bis wir uns wieder Neue bestellen», erzählt Florian Baumann.

Sein Hobby ist nicht günstig: «Ich habe bestimmt schon einige tausend Franken dafür ausgegeben», sagt Florian. Obwohl ein Flugzeug schon nach einigen Minuten zerstört sein kann, liebt Florian den Moment, wenn er seine kleine Messerschmitt in den Himmel hochjagt. Er sieht die Fliegerei als Plausch. «Wir trinken ein Bier zusammen, spielen und experimentieren, bis wir uns schütteln vor Lachen», sagt er – besonders wenn er haarscharf an einem Baum vorbeifliegt und alle schreien. Die Jungs bleiben draussen, bis das erste oder eben alle Flugzeuge zerschellt oder die Akkus aufgebraucht sind – wobei Ersteres öfter eintritt, meint der 25-Jährige.

Inzwischen meidet Baumann die Zürcher Allmend jedoch. «Es ist einfach zu gefährlich. Das Flugzeug hat fast zwei Meter Spannweite. Auf der Wiese spazieren Mütter mit ihren Kindern, viele Hündeler sind unterwegs. Und der FCZ trainiert dort. Ein Absturz könnte schwere Folgen haben», sinniert der gebürtige Basler. Die Ausflügler sind geteilter Meinung über die dröhnenden Fluggeräte: Kinder finden sie toll und möchten am liebsten auch eins, die Senioren seien oft schockiert. Baumann und seine Freunde gehen nun auf ein Feld in der Waldegg. Manchmal ärgert sich der Besitzer, ein Bauer, wenn sie über das Feld trampeln, um ihre Schätze zu bergen. Baumanns Ziel für Ende Jahr ist klar: Eine grosse Rakete an einem Flieger befestigen und hoch über Zürich explodieren zu lassen.

VLADIMIR KUZMA UND SEIN DRITTES AUGE

«Die Fliegerei ist ein guter Ausgleich, weil ich den ganzen Tag vor dem Computer sitze. Hier brauche ich meine Hände», sagt Vladimir Kuzma. Die gebräuchlichen Helikopter aus dem Warenhaus findet er jedoch «Spielzeuge». Wenn sie abstürzen, hat man Hunderte von Franken in den Sand gesetzt. Sein erstes Toolkit für einen Multikopter hat er vor rund einem Jahr in Polen bestellt, die Motoren aus Hongkong, die Flügel aus Amerika. «Die Suche nach den besten Teilen ist neben dem Fliegen die grösste Freude am Ganzen» sagt der Applikations-Entwickler. Ein gutes Exemplar kostet rund 800 Franken.

Ein Multikopter ist kein einfacher Plastik-Helikopter, sondern eher eine Drohne, ähnlich den unbemannten Kampfwerkzeugen, wie sie die Amerikaner in Kriegsgebieten einsetzen. Die Polizei setzte in London an den Olympischen Spielen ebenfalls Drohnen ein. Auch Kuzma hat in seinem Multikopter eine kleine Kamera eingebaut. Das Bild wird direkt auf eine Brille übertragen, die sich Kuzma zum Fliegen aufsetzt.

Vladimir Kuzma führt sein «Baby» auf der Zürcher Allmend aus. Manchmal filmt er nachts in der Stadt. Der Vorteil der vier Rotoren ist die Stabilität. Der Multikop-ter kann auf der Stelle schweben. Vladimir hat so schon am Zürcher Stolze Openair gefilmt. Fast lautlos sei er rund fünf Meter über den Köpfen der Zuschauer geschwebt. «Dabei hatte ich mehr Respekt vor dem Teil als das Publikum», sagt Kuzma. Einige hätten es anfassen wollen, erzählt er.

Wenn der Akku länger halten würde als nur rund zehn Minuten, könnte der 23-Jährige auch bis zu 300 Meter hoch fliegen. Optisch erinnert der Multikopter aber eher an eine fliegende Spinne als an einen Helikopter. In der Nacht, wenn die Rotoren rot leuchten, ist Vladimir Kuzmas Flug-gerät ein UFO. Theoretisch könnte Vladimir Kuzma seinen Multikopter auch fliegen, wenn er ihn selbst nicht mehr sieht – zum Lenken reicht das Bild der Kamera. Oder er könnte ihn autonom fliegen lassen. Das bedeutet, er programmiert den Multikopter darauf, ständig im Kreis zu fliegen – und Kuzma geht inzwischen essen.

Das macht er aber nicht. Es ist gesetzlich nicht erlaubt, und Kuzma meint: «Ich bin kein Profi. Das ist ein anderes Kaliber. Ich fliege aus Spass.» In Deutschland überwachen laut «Spiegel» inzwischen aber bereits über 500 Unternehmen ihr Firmengelände mit Drohnen. Vladimir Kuzma winkt ab: «Ich habe zwar meine Ziele und möchte mein Gerät ständig verbessern, aber nicht für einen professionellen Einsatz».

LUCA D’AMICO SCHRAUBT FÜRS LEBEN GERNE

Auf einem Erdhügel mitten auf dem Offroad-Parcours präsentiert Luca D’Amico stolz drei seiner Autos. Der 32-jährige Familienvater fährt seit sieben Jahren mit neonfarbenen Akku-Rennwagen. D’Amico ist Vizepräsident des Offroad Team Zürich», das 32 Mitglieder zählt und regelmässig Rennen auf der «grössten Offroad-Piste der Schweiz» veranstaltet. Zwei- bis dreimal pro Woche fährt Luca D’Amico nach Volketswil und dreht seine Runden. «Wenn ich die Fernbedienung in der Hand halte, vergesse ich die Zeit und kann von der Arbeit abschalten», erklärt er.

Abends, wenn seine Familie schläft, bastelt D’Amico in der Werkstatt an seinen Autos, baut ein neues Getriebe ein und perfektioniert die Leistung seiner Rennwagen am Computer. Das erste Wort, das sein Sohn sprach, war natürlich «Brumm brumm!». Nun steht Luca am Offroad-Parcours seines Vereins, springt mit dem Auto über Hügel und Schanzen und legt es gekonnt in die Kurve.

Die Fahrzeuge kosten rund 2000 Franken pro Stück. Luca D’Amico meint dazu: «Es ist nur ein teures Hobby, wenn du nicht fahren kannst». Wenn er sein Auto mit 100 km/h an die Wand fährt, ist es auch nicht immer kaputt, sondern meistens mit einigen Handgriffen wieder reparierbar.

Das Schöne am Fahren sei aber nicht nur, wenn er seine selbstgebauten Fahrzeuge mit 36 000 Touren über die Piste jagt, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl unter den Fahrern. «Es ist eine gemeinsame Leidenschaft, durch die Freundschaften entstanden sind», sagt D’Amico. Die Ve-reinsmitglieder treffen sich am Wochen-ende auf der Piste, grillieren und tauschen sich über die neusten Ersatzteile aus.

Obwohl Luca D’Amico behauptet, es sei ein Hobby, ist der Familienvater stark engagiert. So hat er sich bei den Nachbarn, den Gemeindepolitikern sowie beim örtlichen Jäger für die Offroad-Piste stark gemacht. Zudem betreut er Neumitglieder im Verein am «Tag der offenen Piste» und fährt mit seinen Freunden regelmässig an Rennen in der ganzen Schweiz. Luca möchte seine Leidenschaft mit anderen teilen: «Es ist schön, wenn Junge hier mit ihren Autos fahren, anstatt irgendwo rumzuhängen.»

CHRISTOPH SCHNELL TAUCHT MIT DER KURSK

Der 59-jährige Christoph Schnell wuchs in Goldach am Bodensee auf. «Wasser und Boote gehören seit Kindesbeinen einfach zu meinem Leben dazu.» Vor Jahrzehnten spielte er am See bereits mit Spielzeugbooten. Heute besitzt er über ein Dutzend Modellschiffe. Am meisten faszinieren ihn aber U-Boote im Masstab zwischen 1:50 und 1:150. Der Komponist nennt ein deutsches Mini-U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg, das amerikanische U-Boot USS Ohio, und ein russisches vom Typ Typhon sein eigen. Letzteres wurde vor rund zwölf Jahren als «Kursk» bekannt. Nach einem technischen Defekt versank es mit 118 Mann an Bord im Meer.

«U-Boote gehören auch nach dem Ende des Kalten Krieges zu den bestgehüteten Geheimnissen der Länder», sagt Schnell. Deshalb erfordere auch der Bau von Minimodellen nicht nur Spürsinn, sondern Kenntnisse in Elektronik, Fernsteue-rungstechnik, Automation, Robotik und Mechanik. «Die Konstruktion eines U-Bootes ist die Königsklasse der Schiffmodellbauerei.» Viele Modellbauer schwärmen mehr von der Bauphase eines Bootes und nicht so sehr vom Fahren mit dem fertigen Modell. Schnell hingegen meint: «Das Fahren mit den Booten ist eine interessante Erfahrung und entspannt vom Alltagsstress.»

Mit seinen U-Booten fährt Schnell so oft wie möglich – und überall, wo es Wasser hat. Sogar im Schwimmbad. Sein Schiffmodellclub SMC Goldach, der 1987 in der Nähe von St. Gallen gegründet wurde und Schnell als erstes Mitglied verzeichnete, hat einen schönen Naturweiher in Goldach. Dort könne man aber nur für kurze Zeit tauchen, da das Modell rasch nicht mehr sichtbar ist, weiss Schnell.

PATRICK STOLL FLIEGT AUCH IM BÜRO MIT DEM HELIKOPTER

Unternehmer Patrick Stoll empfängt uns im offenen und modernen Loft-büro der digitalen Kommunikationsagentur in Zürich West. Auf den Schreibtischen seiner Angestellten stehen eine Handvoll Fahrzeuge, die mit ihren grossen Rädern an kleine Monster-Trucks erinnern. Neben dem Stuhl des Chefs steht ein weisser Mini-Helikopter. «Wir sind alle leicht romantische Technikfreaks», sagt der 42-Jährige.

Das reicht vom alten Macintosh-Rechner über iPads und Smartphones bis hin zu einem USB-Kühlschrank. «Eigentlich völlig überflüssig – aber Gadgets machen uns Freude», gibt Stoll lächelnd zu. Sie würden hier «ein kalifornisches Denken» pflegen: «Wir glauben, dass Technik das

Leben verbessert», sagt Stoll. Seine Agentur entwickelt Applikationen und programmiert Websites. Früher hätten sie nach Feierabend Rennen mit günstigen Autos vom Kiosk in der Agentur gefahren – heute fliegt ein Helikopter durch die Agentur. «Meine Tochter holt mich zwar manchmal auf den Boden, wenn sie mich kopfschüttelnd anblickt», gibt der Familienvater zu. «Spielerische Momente wie der Helikopter oder unser Pingpong-Tisch bringen Abwechslung zu dem ewigen In-die-Tastatur-Hauen».

Ein besonderes Abenteuer war jedoch die «Robocam», die Stolls Team vor rund vier Jahren entwickelte. Die Besucher seiner Firmen-Website konnten mit einer Steuerung über das Internet mit den ferngesteuerten Mini-Monster-Trucks durch die Agentur «fahren» und das Team beim Arbeiten beobachten. Viele Kunden waren begeistert. Einige schalteten sich gar täglich ein. Für die Mitarbeiter war es gewöhnungsbedürftig, dass kleine Roboter selbständig durch die Agentur brausten. Das Experiment sei aber geglückt: «Wir konnten unseren Kunden aufzeigen, was heute mit Technologie über das Internet möglich ist», erklärt Stoll. Leider seien die Roboter etwas pannenanfällig gewesen.

Trotzdem möchte der Agenturinhaber weiterhin Technologien und ferngesteuerte Geräte in Kombination einsetzen. «Der spielerische und kreative Umgang fördert die Technologien von heute. Wir möchten Grenzen ausloten», sagt Stoll. Ein Webdienstleister müsse mehr bieten als nur Programmieren. Ob Stoll die «Robocam» in Zukunft am Helikopter befestige? «Ich muss wohl erst meine Mitarbeiter fragen, ob sie einverstanden sind, wenn ein Helikopter über ihren Köpfe schwebt», lacht er.

 

Aktualisiert am 2. Oktober 2012

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