“Berlin steht kopf”
Neue Zürcher Zeitung
6. Juli 2012

Derzeit findet in Berlin die 27. Ausgabe der Modemesse «Bread & Butter» statt. Sie ist das Lebenswerk des Karl-Heinz Müller, der sein Handwerk einst von einem Schweizer lernte. In ihrem Umfeld hat sich inzwischen eine Modewoche etabliert.

David Torcasso

Dass Berlin diese Woche auch wieder eine europäische Modehauptstadt ist, ist massgeblich das Verdienst von Karl-Heinz Müller. Er war es, der mit der «Bread & Butter» 2003 den Grundstein für ein halbjährliches Branchentreffen der Jeans- und Casual-Wear-Szene legte und damit indirekt eine ganze Reihe anderer Events anzog. Im Umfeld der Streetwear-Messe, welche 2012 vom 4. bis zum 6. Juli stattfindet, hat sich inzwischen eine veritable Berliner Modewoche formiert, die jede Saison Hunderttausende von Besuchern anzieht. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit bedankte sich dafür beim Initianten Karl-Heinz Müller mit einem Verdienstorden.

Zupackender Unternehmer

Das Hauptquartier der Bread & Butter liegt im Herzen Berlins am Hackeschen Markt. In den Büros mit den grossen Fenstern und langen Korridoren arbeiten gutaussehende Angestellte. An der Wand hängen die Plakate der bisherigen Messen. Der 55-jährige Karl-Heinz Müller fällt auf, nicht nur wegen seiner Körpergrösse von fast zwei Metern. Er trägt abgewetzte Jeans, ein Hemd und Lederstiefel. Mit seinem Bart sieht er keineswegs aus wie der typische Vertreter der glamourösen Modewelt, sondern eher wie ein zupackender Unternehmer. Und das ist er auch. Denn Müller organisiert nicht nur die weltgrösste Streetwear-Messe auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, sondern ist auch selbst Inhaber und Kurator einer Boutique. Sie heisst 14 oz. und liegt an der Neuen Schönhauser Strasse in Berlin-Mitte.

Sein Handwerk hat Karl-Heinz Müller von einem Schweizer gelernt: von Edwin Fäh, in den achtziger Jahren als Gründer der Marke Big Star eine Art Jeans-Guru. Fäh holte ausserdem die amerikanische Kultmarke Carhartt nach Europa. «Edwin Fäh ist bis heute mein wichtigster Mentor und hat mir das Gespür für die Marken und die Branche eingepflanzt», sagt Müller, sich vor seinem Ziehvater verneigend. Mit Fäh sei er auf der ganzen Welt unterwegs gewesen und habe gelernt, welche Werte eine Denim-Marke ausmachten. Aus dieser Erfahrung schöpft Müller bis heute. Nach einer Karriere vom Aussendienstmitarbeiter zum Geschäftsführer eröffnete Karl-Heinz Müller im Jahr 1999 seinen ersten eigenen Jeansladen in Köln. Mit Fleiss und Charakter und weil er sich bestens in der Branche auskannte, machte er sich rasch einen guten Namen.

Pflichttermin für «Jeanser»

Heute ist Jeansfürst Karl-Heinz Müller Herr über mehr als hundert Angestellte und per Du mit den Chefs von Weltmarken wie Levi’s, G-Star, Diesel oder Pepe. Die Bread & Butter ist zum Pflichttermin für die «Jeanser» geworden. Ein Spaziergang war dieser Erfolg indes nicht.

Und dass Berlin heute eine Modestadt ist, war im Jahr 2003, als Müller die 2001 in Köln gegründete Bread & Butter erstmals im ehemaligen Siemens-Kabelwerk in Berlin-Spandau veranstaltete, noch keineswegs klar. «Viele haben uns damals abgeraten, die Bread & Butter nach Berlin zu verlegen», erinnert sich Müller. In der Stadt sei kein Geld vorhanden, hiess es. «Ich hörte auf meinen Bauch und entschied mich trotzdem für Berlin.» Im Jahr 2005 initiierte Müller eine Parallelveranstaltung in Barcelona, die weit schneller wuchs als die Berliner Messe – in der Folge wurde die Bread & Butter ab dem Sommer 2007 für zwei Jahre nur noch in Spanien abgehalten.

Im Jahr 2009 kehrten Müller und der Jeans-Zirkus triumphal nach Berlin zurück und bekamen von Berlins Bürgermeister Gastrecht auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. «Berlin war immer unsere Zentrale. Wir sind hier verwurzelt und haben unsere Familien und Freunde hier», sagt Müller zur Rückkehr in die deutsche Hauptstadt. «In Berlin höre ich die Flöhe niesen und kenne jeden. In Barcelona war ich nicht so nahe dran.» Genau das ist Müllers Erfolgsrezept: Er ist nicht einfach Chef einer bedeutenden Messe, sondern ein Mann vom Fach, und er verfügt über beste Beziehungen.

Um diese Nähe zur Denim- und Streetwear nicht zu verlieren, betreibt Müller auch den eigenen Laden. «14 oz. ist mein Baby, dort bin ich an der Quelle und weiss, wie die Marken funktionieren, was bei den Leuten ankommt. Das ist sehr wichtig für mich», sagt Müller. Modisch setzt er auf Marken mit Herkunft und Geschichte, sogenannte Originale: «Es gibt heute leider so viele Marken, hinter denen nur noch Marketing und keine Manufaktur mehr steckt», beklagt sich der Jeansprofi. Dagegen will er ein Zeichen setzen. Mit Erfolg: Im kommenden Herbst wird ein zweiter 14 oz. am Kurfürstendamm eröffnet. «Westberlin gewinnt wieder an Bedeutung», prophezeit Müller.

«Demokratisierung der Mode»

Für Berlin ist die Bread & Butter heute ein wichtiger Image- und Wirtschaftsfaktor. Die über hunderttausend Besucher pro Saison bescheren der Stadt nach Schätzungen der Berliner Investitionsbank einen Mehrumsatz von 70 bis 90 Millionen Euro (Quelle: Brandeins). Logisch, dass damit auch Karl-Heinz Müllers Wanderjahre zu Ende sind. Der 2009 abgeschlossene (und politisch umstrittene) Mietvertrag für den alten Flughafen Tempelhof läuft für zehn Jahre. «Ich möchte die Bread & Butter in den kommenden Jahren verfeinern und stärker einem breiten Publikum öffnen», sagt Müller.

Zur weiteren «Demokratisierung der Mode» schwebt Karl-Heinz Müller «eine Art Mode-Oscar für den Bereich Street- und Urban Wear» vor. «Die gesamte Branche könnte eine riesige, internationale Jury bilden, bestehend aus Einzelhändlern, Vertretern, Einkäufern sowie Modejournalisten, die dann die Performance und Kreativität der Marken bewerten», phantasiert der Messechef. Denn die Bread & Butter sei eben nicht nur eine Messe, sondern ein Event. «Berlin steht für ein paar Tage kopf», sagt Müller zufrieden, lehnt sich zurück und geniesst die Party.

Aktualisiert am 6. Juli 2012

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