Das Kabriolett
Gentlemen's Report/NZZ
19. Mai 2012

Willkommen an Bord der «Berliner Zigarren», der wohl schönsten Motorboote, 
die in den letzten hundert Jahren gebaut wurden. Diese Schiffe sind schnell – 
also unbedingt einen warmen Pullover einpacken.

Berlin ist eine Wasserstadt: Rund um die Millionenmetropole liegen zahlreiche Seen wie der Malchower-, der Müggel-, der Wann- oder der Griebnitzsee – insgesamt über 230 Millionen Kubikmeter Wasser auf rund 59 Quadratkilometern. Touristen, die heute nach Berlin fahren, besuchen die Seen allerdings kaum, und auch so manch ein Berliner nimmt sich jeden Sommer wieder von neuem vor, öfter hinzufahren. In den zwanziger und dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts war das anders: Der gut betuchte Berliner hatte ein Autoboot, zur sonntäglichen Ausfahrt zu See. Die eleganten Schiffe, ausgestattet mit Motoren von Maybach oder Mercedes Benz, die zwölf Zylinder und eine Leistung von 100 PS hatten, schafften Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. An Bord gönnte man sich Champagner mit den Liebsten, spielte mit Freunden Skat oder genoss ein Sonnenbad auf dem Holzdeck. Hauptmerkmal der damals populären Autoboote war, dass man alles vom Fahrersitz aus bedienen konnte. Die meisten waren als «Kabrioletts» angelegt, einige Modelle verfügten auch über Gesellschaftszimmer aus Mahagoni – man nannte sie Salonschiffe.

Im Volksmund waren die Autoboote wegen ihrer länglichen Form (rund zehn Meter lang und zwei Meter breit) auch als «Berliner Zigarren» bekannt. Fast jeder grosse Autobauer jener Zeit bot seine Motoren auch als Marine-Version an. «In den dreissiger Jahren gab es über tausend Autoboote auf den Berliner Seen – heute sind es vielleicht noch fünfzig, von welchen etwa zwei Handvoll seetauglich sind», sagt Carsten Klink von der Werft Klink & Krüger im beschaulichen Berliner Aussenbezirk Köpenick direkt am Müggelsee. Ihre Werfthalle liegt in der Nähe eines Supermarktes hinter einer Baustelle. Patinierte Oldtimer-Limousinen stehen neben hölzernen Schiffsrümpfen, auf einem Hochlager ruhen verrostete VW-Käfer, daneben ein grosses Schiff im Rohbau, hinter einer Plane schaut ein Lenkrad eines Autoboots hervor.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele der Schmuckstücke versenkt, der Rest sei teilweise von den Russen abtransportiert worden, erzählt Klink weiter. Heute seien die Oldtimer eine echte Rarität: Im Schrottzustand kosten sie zwischen 3000 und 15 000 Euro – doch das ist erst der Anfang. In stundenlanger Handarbeit restaurieren Carsten Klink und Malte Krüger diese Boote. Bis zu 5000 Arbeitsstunden werden in die Schiffe investiert, bis sie wieder flott sind, und natürlich nur das beste Material: «Unsere Leute drehen jede Schraube von Hand hinein, auch wenn es mit der Maschine schneller ginge», sagt Klink. Wer so ein Boot kaufen möchte, kann deshalb dafür schon mal 400 000 Euro bereithalten. Die meisten Aufträge stammen direkt von Kunden – die heute alles andere als Salonlöwen seien. «Es ist eine Szene, die Freude an der Geschichte dieser Boote hat, die aber keinesfalls mit dem Jetset an der Côte d’Azur zu vergleichen ist», erklärt Carsten Klink, und Krüger doppelt nach: «Unsere Kunden lassen sich besser mit Fahrrad-Freaks als mit Ferrari-Fahrern vergleichen. Denn wenn du mit diesem Boot vorbei fährst, winken dir die Leute zu.»

www.klink-krueger.de 

Aktualisiert am 21. Mai 2012