Travail au lac
Gentlemen's Report/NZZ
19. Mai 2012

Vielleicht der schönste Arbeitsplatz überhaupt: Diese fünf Männer arbeiten im, am oder mit Wasser und zeigen, wie vielfältig dieses Element sein kann.

Leichen aus dem See ziehen muss René Guler, 39, zum Glück selten. Vielmehr weist er die Leute auf dem See auf die Verkehrsregeln im Wasser hin, befreit sie aus gekenterten Booten und taucht auch ab und zu nach einem verlorenen Ehering. «Tauchen hat mich schon immer fasziniert. Es ist zwar dunkel, kalt und trüb, aber dafür ist man völlig schwerelos und in absoluter Stille», sagt René Guler. Der 39-Jährige ist seit bald zehn Jahren bei der Wasserschutzpolizei der Stadt Zürich und wurde im vergangenen Jahr zum Chef Tauchen & Ausbildung ernannt. Obwohl das Wasser knapp fünf Grad kalt ist, stürzt sich Guler an diesem Morgen ohne Zögern in den See und taucht ab. Seine Arbeitsbekleidung gleicht der eines Astronauten. Früher war er im Streifenwagen in der Stadt Zürich unterwegs, heute sagt er: «Den ganzen Tag draussen zu verbringen, mich frei zu bewegen und frische Luft zu tanken ist die bessere Option, als in einem geschlossenen Wagen zu sitzen».
Dabei unterscheidet sich seine Arbeit nicht sehr von der Streifenwagenpatrouille – nur das Terrain ist anders: eben Wasser. Guler sorgt auf dem See für Sicherheit, Ruhe und Ordnung: korrektes Verhalten der Schiffskapitäne in der Uferzone, Belegverbote im Hafen, Patrouillefahrten an Sommertagen, Jugendliche daran hindern, ins Fahrwasser von Kursschiffen zu springen und erschöpfte Schwimmer retten, verlorene Portemonnaies aus dem Wasser fischen oder auch mal Leichen suchen. Das ist die am wenigsten erfreuliche Aufgabe von Guler. «Man taucht dann auf den dunklen Seegrund hinab und weiss, dass man irgendwann einen Menschen finden wird, dessen Körper leblos mit der Strömung treibt.» Je länger die Suche dauert, desto mehr Gedanken macht er sich um das Schicksal dieser Person. «Es ist nicht angenehm, wenn ein Badi-Aufseher abends anruft und meint, hier würden noch Kleider von jemandem liegen.» Ertrunkene gibt es am Zürichsee aber glücklicherweise recht selten. Was viel eher zum Arbeitsalltag von Guler gehört, ist die Ungeschicklichkeit der Seebenutzer. Sie verlieren ihren Ehering, fahren mit einem Boot hinaus und merken erst dort, dass der Tank leer ist oder vom Radiohören sich die Bootsbatterie geleert hat, versperren den Weg der Kursschiffe, rammen an schönen Sommertagen verirrte Pedalofahrer. «Die Leute sind manchmal schon etwas hilflos, weil sie glauben, das Wasser und den See zu kennen.» Das sei aber nicht so einfach und brauche jahrelange Erfahrung, ist Guler überzeugt.
Der Zürichsee ist zwar umgeben von Urbanität, aber eben immer noch ein See – also Natur, die man nicht restlos bändigen kann. Das weiss Guler und ist deshalb tolerant gegenüber den Seenutzern. Er verteilt nicht immer eine Busse, sondern spricht auch mal eine Verwarnung aus. «An Land ist klar: Bei Rot bleibt man stehen. Im See kennen nicht alle Leute die Regeln.» Sein Job ist oft dankbarer als der seiner Kollegen in der Stadt, weil die Leute grundsätzlich positiver gegenüber der Polizei auftreten. Hier ist er oft wirklich noch «Freund und Helfer». Das spürt Guler: «Die Leute befinden sich in ihrer Freizeit und sind entspannter als der gestresste Autofahrer im Feierabendverkehr.»

Adrian Gerny, 24, ist der einzige Berufsfischer in der Stadt Zürich und beliefert mit seinen Forellen, Eglis und Felchen Dutzende Restaurants und Lebensmittelbetriebe in Zürich. Wenn andere von der Party nach Hause gehen, beginnt er mitten auf dem dunklen See seine Netze auszulegen. Während die meisten 24-Jährigen sich samstagnachts zu Techno-Bässen die Nächte um die Ohren schlagen, packt Adrian Gerny seine Gerätschaften auf das Fischerboot und fährt auf den stockdunklen See hinaus. Dort ist es still wie an keinem anderen Ort in Zürich. Genau das mag Gerny: «Wenn an einem schönen Wintermorgen die Sonne aufgeht, der See spiegelglatt ist und ganz ruhig, dann möchte ich am liebsten die Zeit anhalten.»
Und dennoch: Gernys Job ist nichts für Weicheier. Denn der Fischer fährt das ganze Jahr auf den See hinaus. Bei klirrender Kälte, Eisregen, Stürmen und Gewitter. «Im Winter muss ich mit einem Eispickel die Eisbrocken vom Boot abschlagen.»
Gerny hält das aus. Wenn er im Winter mitten in der Nacht losfährt, ist niemand da, der ihn sehen oder hören könnte. Würde er von einer Welle ins Wasser gespült, ist es vorbei. «Wenn du im Winter draussen bist, gibt es kein Zurück.» Daran denkt er aber kaum, sondern geniesst den Moment, wenn er bei dichtem Nebel glaubt, alleine auf der Welt zu sein. «Ich bin schon ein Einzelgänger», lacht er.
Die Hauptsaison des Berufsfischers ist im Sommer: Dann steht Gerny um zwei Uhr nachts auf und kommt selten vor neun Uhr abends nach Hause. Sieben Tage pro Woche. Ferien gönnt sich der Fischer nur gerade drei Wochen im Jahr. «Als Berufsfischer hast du kaum ein Privatleben.» Für seine Selbständigkeit und seine «Produkte», wie er sagt, nimmt er dieses Exotenleben in Kauf. Seine tägliche Beute variiert zwischen fünf und hundert Kilogramm Fisch. Hat er die Netze eingesammelt, nimmt Gerny die Fische selbst aus und bereitet sie für die Restaurants und Lebensmittelhändler fast pfannenfertig vor.
Gerny bietet wohl das frischeste Produkt an, das man sich auf einem Teller wünschen kann. Des Zürchers Lieblings-fische wie Eglis, Forellen, Hechte oder Felchen werden am Morgen gefangen und abends gegessen. «Wenn ich sehe, wie die Leute die Qualität und Frische beim Essen spüren, macht mich das glücklich.» Sein Job sei Stress und Erholung zugleich. Den Zürichsee kennt der 24-Jährige wie seine Westentasche. Trotzdem ist jeder Tag anders. «Die meisten Zürcher kennen den See als Erholungsraum. Dabei hat er viel mehr zu bieten und kann manchmal sehr widerspenstig sein.»

Meinrad Fuchs, 61, ist Chef des grössten Schweizer Stausees – des Sihlsees. Was auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen mag, ist tatsächlich eine grosse Verantwortung: Würde der Staudamm brechen, würde Zürich innert kürzester Zeit von einer Flutwelle erfasst. Fast jeder Zürcher kennt diese Legende: Innerhalb von zwei Stunden wäre das Wasser aus dem scheinbar kleinen See in der grössten Schweizer Stadt und würde sie bis zum ersten Stock unter Wasser setzen. Denn der Sihlsee umfasst rund 96 Millionen Kubikmeter Wasser. Damit produzieren die Etzelwerke AG, die im Besitz der SBB sind, rund 300 MW Strom pro Jahr.
Das Potenzial dieses Sees ist kaum zu erkennen, wenn man an einem sonnigen Morgen am Sihlsee entlang geht. Das Spiegelbild der Schneeberge unweit von Einsiedeln vermischt sich auf der glatten Oberfläche mit dem Glitzern der Sonne im Wasser. Ein etwas zu gross geratener Bergsee, möchte man meinen. Dabei liefert der Sihlsee zu Spitzenzeiten bis zu zwölf Prozent des gesamten Netzstroms der SBB. «Der Vorteil ist, dass mit einem Stausee nach Bedarf Strom produziert werden kann. Nicht wie ein unter Dauerlast laufendes Kraftwerk etwa an einem Fluss,  welches  immer  läuft», erklärt Stausee-Chef Meinrad Fuchs. Doch daneben schätzt er vor allem die Erlebniswelt Wasser:  «Bei schönem Wetter beneiden mich alle Bekannten um meinen Job», lacht er. Der Sihlsee ist gewissermassen der Garten von Fuchs: Jeden Tag pflegt und hegt er ihn. «Ich bin Förster, technischer Leiter und Bauarbeiter in einer Person», sagt Fuchs. Er macht jeden Tag Kontrollrundgänge, vollführt mit seinem Team Messungen, räumt Holz weg und verstopfte Zuläufe frei.
Fuchs’ wichtigste Aufgabe ist jedoch die Sicherheit seines wohlbehüteten blauen Arbeitsplatzes. Der Stausee-Chef erstellt jede Woche einen Sicherheitsbericht für den Bund, führt Messungen durch und macht täglich mehrere Rundgänge – auch weil er Sabotageakte verhindern soll. Schliesslich hängt das Schicksal der grössten Schweizer Stadt von ihm ab. Fuchs winkt ab:  «Das ist kaum möglich – wie ein Erdbeben in dieser Gegend. Das gibt es nur alle 25 000 Jahre.» Trotzdem hat er schon einige Unwetter erlebt und wurde mitten in der Nacht von einem Alarm geweckt, weil es zwischen den Bergen stürmte und tobte. Und Fuchs das gestaute Wasser mittels Zu- und Abfluss regulieren musste.
Sein früherer Job als Bauführer sei ihm zu stressig geworden, sagt Fuchs offen. Jetzt arbeite er am schönsten Ort, den man sich vorstellen kann. In der Nähe, wo er aufgewachsen ist und schon als Kind im See plantschte. «Meine Arbeit ist nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Hobby», sagt Fuchs. Nur eins hat er nach dem Stellenantritt vor zwanzig Jahren verweigert – direkt im Wärterhaus auf dem Staudamm zu wohnen.  «Ich kenne den See zwar gut und habe ihn zumeist unter Kontrolle. Aber manchmal muss ich auch ohne ihn auskommen.

René Sutter, 59, ist in seiner zwanzigsten Saison Bootsvermieter am Zürichsee. Vorher war er Seepolizist. Jetzt kümmert er sich um die schönsten Pedalos
der Stadt. Wütend wird der freundliche Herr Sutter nur, wenn mit seinen 60 Jahren alten Schmuckstücken Unfug betrieben wird.
«Eine Bootsvermietung sollte man ärztlich verschreiben lassen. Denn Wasser kann sehr erholsam wirken», sagt Sutter und bietet Kaffee an. Draussen, hinter seinem Holzhaus, wo er seine Bootsvermietung in Zürich-Enge betreibt, ist der See silbergrau. Der Himmel bewölkt. Nur die Kursschiffe sind auf dem Zürichsee unterwegs. «Wenn die Leute gestresst aus dem Büro kommen, in ein Pedalo steigen und eine Stunde später wie verwandelt – nämlich erholt und lächelnd – zurückkommen, weiss ich, dass ich den richtigen Job habe», sagt Sutter.
Der ehemalige Seepolizist ist ein Nostalgiker – zum Glück: Seine Forsa-Pedalos sind über 60 Jahre alt, strahlen aber immer noch in leuchtendem Rot. Steigt man hinein, findet man sich in einer Postkarte aus den fünfziger Jahren wieder. «Das Pedalo ist ein Stück Schweizer Kultur», sagt Sutter. Was der Nostalgiker hingegen nicht mag, sind die neuen Plastic-Pedalos. Und Zürcher, die sich nur aus Prestigegründen ein Schiff auf dem See anschaffen. «Das sind keine Böötler», sagt Sutter. Früher habe man jeden auf dem See gegrüsst, erinnert er sich. Wie auch viele seiner Kunden bei einer Ausfahrt mit dem Pedalo in Erinnerungen schwelgen. Sie kennen diese Momente von ihren Eltern oder aus Filmen – manche haben gar schon einen Heiratsantrag auf einem Sutterschen Pedalo gemacht.
Wohl noch ein Stück mehr als seine Kunden schätzt der Bootsvermieter selbst «seinen» See: Dieser Arbeitsplatz sei jeden Tag anders und einzigartig, schwärmt er. Sutter ist meistens am Wasser und arbeitet weit mehr als einer im Büro. «Es gibt immer etwas zu tun. Ich bin froh, wenn ich es ab und zu zum Coiffeur oder Arzt schaffe.» Seine Pedalos müssen gut gewartet und gepflegt sein, sonst verlieren sie ihren Reiz.
Wegen dieser aufwändigen Wartung ärgert sich Sutter umso mehr, wenn Vandalen seine Boote zerkratzen oder beschädigen. Dabei mag Sutter junge Leute sonst gerne. Sie sind seine Hauptklientel, wenn sie mit der ersten Liebe draussen alleine auf dem See knutschen, auf dem Pedalo mit Freunden picknicken oder den kleinen Stahlkoloss als Badeinsel nutzen. Deshalb ist Sutter überzeugt: «Das Pedalo gibt es auch in fünfzig Jahren noch, weil es einfach ein zeitloser Klassiker ist.»

Nicht erst seit dem Fund der Pfahlbauer-Anlage beim Zürcher Parkhaus Opera ist klar: Rund um den See gab es auch schon vor Tausenden von Jahren Siedlungen. Thomas Oertle, 47, taucht nach Überresten unserer Vorfahren und konserviert sie für die Nachwelt. Seine Karriere hat schon als Bub angefangen: Als 12-Jähriger fand Thomas Oertle am Seeufer ein kleines Fragment aus der Pfahlbauer-Zeit. Das hat er noch heute in der Schublade seines Schreibtisches in den Räumlichkeiten der Unterwasser-Archäologie der Stadt Zürich. Inzwischen hat er Tausende von Fundstücken vom Seegrund geholt und alle sauber für die Nachwelt dokumentiert.  «Ein Objekt, das ein Mensch vor Zehn-tausenden von Jahren benutzt hat, in den Händen zu halten, übt auf mich einen grossen Reiz aus», sagt Oertle zu seiner Tätigkeit. «Die Aufarbeitung unserer Geschichte ist eine gigantische Arbeit – und ich trage einen ganz kleinen Teil mit dem Tauchen bei», sagt Oertle.
Der Archäologieforscher ist während des Jahres mehrere hundert Stunden unter Wasser und sucht nach Scherben, Werkzeugen oder Arbeitsmaterialien der
Pfahlbauer. Wie die Archäologen an Land.
Doch mit ihnen möchte Oertle nicht tauschen: «Die Ruhe im Wasser, das Schwere-
lose, ist unbeschreiblich.» In stundenlanger Feinarbeit tastet sich Oertle an Stellen vor, wo Pfahlbauten vermutet werden. Anstatt die Steinwerkzeuge mit einem Pinsel zu bearbeiten, wedelt er mit der Hand durch das Wasser und legt die Stücke frei. Er hat auch keine Tauchflasche am Rücken, sondern bezieht die Luft über einen Schlauch, der von einem kleinen Schwimmer über ihm herab reicht.
Oertles Glück ist, dass Überreste im Wasser oft viel besser erhalten sind als an Land. Er nimmt ein kleines schwarzes Objekt aus einer der unzähligen Schubladen. Es sieht aus wie ein Stück Kohle. Oertle grinst nur und sagt: «Das ist ein alter Apfelkern.» Weggeworfen von einem Pfahlbauer vor rund fünftausend Jahren. Solche Sachen findet Oertle bei seinen mehrstündigen Tauchgängen rund drei Meter unter dem Seespiegel in der Nähe des Ufers. Manchmal auch Blätter oder menschliche Überreste – luftdicht im Wasser konserviert.
An einem Tag stösst Oertle auf Dutzende Artefakte, an anderen Tagen auf kein einziges. Und teilweise will Thomas Oertle nicht einmal alles an die Oberfläche bringen, sondern seine Schätze vor der zunehmenden Veränderung des Sees schützen. Er lässt sie unten, «es sind zu viele», weiss Oertle.

Aktualisiert am 11. September 2012

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