Radikal elegant
Neue Zürcher Zeitung
13. April 2012

Die skulpturale Avantgarde des in Berlin lebenden Bulgaren Vladimir Karaleev

David Torcasso

Vladimir Karaleev experimentiert mit freien Schnitten und offenen Nähten – und kreiert dabei trotzdem tragbare Mode. Er gilt als eines der grössten Talente jüngerer Generation.

Wer die Mode von Vladimir Karaleev verstehen will, sollte den Designer in seinem kleinen Studio nahe der Berliner Friedrichstrasse besuchen. Dort widmet sich Karaleev an einem grauen Montagmorgen einem Abendkleid. Er näht, schneidet, reisst, faltet, zieht und zupft an dem leichten Stoff wie ein Aktionskünstler. Das unkoordiniert wirkende Experimentieren mag auf den ersten Blick gar nicht zu dem grossgewachsenen Mann mit der sanften Stimme passen. Karaleev faltet die Naht nach aussen, lässt den Saum offen stehen oder schneidet gleich einen ganzen Ärmel ab. «Meine Kleidung entsteht intuitiv und instinktiv», sagt er. Wie ein Maler, der immer wieder Schichten auf der Leinwand übermalt, die bestehen bleiben, aber nicht mehr sichtbar sind. Obwohl Karaleev sagt, Mode habe nichts mit Kunst zu tun, hat er einige Shows in Kunstgalerien veranstaltet.

Interessant, nicht schön

Der Designer verwendet selten Schnittmuster oder Nesselstoff, sondern «skizziert» seine Kollektionen gleich am Originalstoff, etwa in Seide. «Das gibt den Kleidern etwas Fatales. Es gibt kein Zurück, wenn ein Stück weggeschnitten ist», sagt Karaleev. Er wisse nicht, wie seine Kleider am Schluss aussehen sollten. So entsteht allmählich eine Komposition, die Karaleev nach vielem Verwerfen und wieder neuem Nähen irgendwann mag. «Ich möchte nicht schöne, sondern interessante Kleider machen», so beschreibt er sein kreatives Wirken.

Die Mode von Karaleev strahlt eine grosse Spontaneität aus. Die Kollektionen sind wie Skizzen. Ein Kleid oder eine Jacke sieht aus, als hätte der Designer noch Minuten vor der Präsentation im Laden oder auf dem Laufsteg daran geschnitten. Dabei sind Karaleevs Kleider tatsächlich alles andere als unfertig. «Ich befasse mich intensiv mit einem Stück, betrachte und prüfe es über Tage hinweg», sagt er. Wenn man seine Kleidungsstücke anfasst und das schlichte Label im Nacken sieht, wird klar, wie viele Stunden Arbeit darin stecken.

Mit seinem Stil schafft Karaleev, was andere Designer oft vergebens versuchen: gegebene Formen und Muster zu hinterfragen, neu zu interpretieren und trotzdem klar zu bleiben. Karaleev kehrt die Mode gewissermassen von innen nach aussen. Sanfte Seidenstoffe schmiegen sich an den Körper des Trägers, raue Oberflächen präsentieren sich dem Betrachter. Die Kleider sehen immer aus, als seien sie noch im Entstehen begriffen.

Die neuste Damenkollektion, die an der Berlin Fashion Week im Januar präsentiert wurde, erntete erneut viel Beifall. Die wichtigste Anerkennung in seiner bisherigen Karriere erhielt Karaleev von Christiane Arp, der Chefin der deutschen «Vogue». Sie rückte den Designer mit den verdrehten und speziell drapierten Kleidern, Mänteln und Oberteilen in den Fokus der Modewelt, indem sie ihn für ihren «Vogue salon» selektierte. Die englische Modekette Top Shop zeigte daraufhin ein paar ausgewählte Kleidungsstücke in einer Abteilung für Nachwuchsdesigner. Dabei ist er im Grunde keiner, der auf «fast fashion» setzt – den schnell wechselnden Trends möchte Karaleev mit Kollektionen begegnen, die nicht nur für eine Saison halten.

Leichtigkeit und zeitlose Eleganz – das demonstriert Vladimir Karaleev in seinem Studio an einem dünnen Jackett in Senfgelb: Die Ärmel sind hochgerollt, aus den Taschen an der Seite hängt ein zweites Stück Seidenfutter heraus. Karaleev lächelt und sagt, genau so hänge die Jacke nachher im Laden. Offene Nähte sind bei ihm nicht provisorisch, sondern ein Markenzeichen. «Ich habe die Nähte offen gelassen, weil ein Saum den Fall des Kleides kaputtmachen würde», erklärt Karaleev. Ein Karaleev-Kleid verleiht der Trägerin eine radikale Eleganz.

Internationale Expansion

Vladimir Karaleev, in Sofia geboren und aufgewachsen, kam vor elf Jahren nach Berlin. Dort studierte er nicht an der hippen Universität der Künste, sondern belegte den Studiengang «Bekleidungstechnik» an der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Technik kommt dort, anders als an der Kunsthochschule, vor Kreativität. «Wir hatten dafür die besten Nähmaschinen», sagt Karaleev, der auch noch heute fast alle Teile selbst von Hand anfertigt und näht. Als Student langweilte er sich allerdings, dass neben Bekleidungstechnik auch Rechnungswesen auf dem Lehrplan stand.

Jetzt, wo sein Label wächst und Vertriebspartner in Libanon, Japan, Italien und Russland hat, ist er froh über die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse. Der wichtigste Schritt im vergangenen Jahr war für den Designer die Verpflichtung einer Produktionsstätte in Bulgarien, wo seine Kollektion produziert wird. Das Atelier befindet sich in der Nähe seines Elternhauses.

Den Körper abstrahieren

2006 präsentierte Karaleev seine erste Kollektion. Die Entwürfe, angelehnt an den Dekonstruktivismus der achtziger und neunziger Jahre, begeisterten vor allem Kunden aus Japan, wo seine Kollektion gut ankam. «In Japan ist der Raum zwischen Körper und Kleid wichtig», betont Karaleev. Was Europäer schön oder sexy finden, mögen die Japaner nicht – am wenigsten knallenge Kleider. «Mir gefällt es, Körper zu verhüllen, ihn zu deuten und immer wieder zu abstrahieren», sagt Karaleev.

Obwohl sich Karaleev nicht nur in Japan, sondern auch an seinem Lebensmittelpunkt Berlin einen Namen machen wollte, weigerte er sich vorerst, an grossen Modeshows teilzunehmen. «Ich dachte, meine Mode gehöre nicht auf den Laufsteg, sondern in einen Hinterhof», sagt er lachend. Inzwischen arbeite er gerne auch «kommerziell», wie er sagt. «Wie kann ich möglichst kreativ und individuell sein und doch verkäuflich bleiben?», fragt er sich. «Mode ist da, um getragen zu werden», ist Karaleev überzeugt, «Einfach etwas Verrücktes zu machen, das niemand tragen kann, ist einfach. Schwierig ist es, tragbare Kleider zu entwerfen und seinem Konzept treu zu bleiben.»

www.vladimirkaraleev.com

Aktualisiert am 19. Oktober 2012

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