Letizia Battaglia
Fräulein
30. März 2012

 

Letizia Battaglia hat aberhunderte Mafiamorde in Süditalien mit der Kamera festgehalten, ein schwarzweißes Blutarchiv. Mit ihren Aufnahmen wollte die 77-Jährige die Welt wachrütteln – und hat den Kampf um ihre Heimat Sizilien, wo sie noch immer lebt, trotz Morddrohungen nicht aufgegeben. 

Frau Battaglia, wie sind Sie zu dieser besonderen Art der Fotografie gekommen?
Letizia Battaglia: Ich habe sehr spät mit der Fotografie angefangen. Ich war bereits 37 Jahre alt. Ich habe damals drei Jahre in Mailand gearbeitet und dort das Handwerk gelernt. Dann hat mich die Tageszeitung L´Ora in Palermo angerufen und angefragt, ob ich nach Palermo zurückkehren wolle. Palermo ist meine Heimatstadt. Ich wurde dort geboren und sehe mich als Sizilianerin. Ich habe dann 18 Jahre lang für den Lokalteil von Palermo gearbeitet und alles fotografiert, nicht nur die „dunkle Seite“, sondern auch Firmenjubiläen oder Fußballspiele. Aber das waren damals schreckliche Jahre für unsere Stadt. Deshalb sieht man auf meinen Fotos so viele Ermordete, Tote, Verletzte und Verhaftete.

Wie erlebten Sie das erste Mal, als Sie eine Leiche fotografiert haben?
B: Es war schlimm – genauso so schlimm wie das letzte Mal. Eine Person zu fotografieren, die ihr Leben gewaltsam verloren hat, ist schrecklich! Ich konnte mich in all den Jahren nicht daran gewöhnen und mich nie mit dieser unglaublichen Gewalt abfinden. Es waren immer ein schmerzvoller Moment für mich.

Wie haben Sie das ausgehalten?
B: Ich war eine Frau, die arbeiten musste. Ich wollte Fotoreporterin sein und es war zunächst mein Job, diese Bilder zu machen. Nach ein, zwei Jahren Tätigkeit für L´Ora verspürte ich immer mehr die Pflicht, diese Gewalt in Palermo zu dokumentieren und der Welt zu zeigen. Die Mafia war sehr stark geworden und da konnte ich nicht tatenlos zu sehen.

Weshalb haben Sie sich dazu verpflichtet gefühlt?
B: Es war ein sehr starkes Verlangen. Es ging um meine Erde, meine Heimat! Der Staat, die Welt hat uns in Palermo in Stich gelassen. Wir fühlten uns alleine. Die Mafia hat uns das Glück geraubt. Ich wollte die Welt wachrütteln und sagen: Helft uns!

Warum haben damals so viele Menschen weggeschaut?
B: Die Geschichte von Süditalien ist sehr dramatisch. Der italienische Staat wollte die Mafia nie bekämpfen. Nie! Ich habe viele Ausstellungen in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Amerika oder auch China gemacht. Ich wollte, dass die Welt weiß, was in Palermo passiert. Wir brauchen ein internationales Tribunal, dass die Mafia bekämpft, weil sie überall ist und uns alle betrifft. Ihre Macht ist riesig. Wir können uns das gar nicht vorstellen. Jeder hat direkt oder indirekt mit der Mafia zu tun.

Woher haben Sie die Kraft genommen, immer wieder diese erdrückenden Bilder zu machen?
B: Ich liebe die Gerechtigkeit und die Liebe. Unser Leben dreht sich um Liebe und nicht um Macht und Gewalt. Ich konnte das einfach nicht hinnehmen. So bin ich seit ich Kind bin. Auch jetzt, wo die Situation anders ist, bin ich immer noch sehr traurig und wütend.

Was wollten Sie mit dieser Dokumentation …
B: … Ich mache keine Dokumentation! Hier geht es um mein Land, meine Erde, auf der ich groß geworden bin und meine Enkel groß werden. Ich bin nicht nach Irak oder Iran gegangen, um Bilder zu schießen, dann zu verkaufen und wieder ruhig nach Hause nach Paris oder London zu gehen. Ich bin hier geblieben! Deshalb ist es keine Arbeit, es ist ein Kampf um meine Heimat.

Würden Sie sich mit einer Kriegsreporterin vergleichen?
B: Auf jeden Fall – es ist ein Zivilkrieg, wo sich die eigenen Brüder und Familienmitglieder gegenseitig umbringen.

Haben Sie selber um ihr Leben gefürchtet?
B: Ich wurde von der Mafia immer wieder mit dem Tod bedroht. Aber genau das macht die Mafia. Sie jagt allen Angst ein. Man darf sich nicht unterkriegen lassen, denn dann hat man verloren. Ich hatte immer Angst, aber musste weitermachen. Man darf die Mafia nicht akzeptieren.

Welche Opfer mussten Sie für diese Arbeit aufbringen?
B: Ich kann heute nicht mehr arbeiten. Niemand lässt mich mehr meinen Beruf ausüben. Alle anderen Fotografen arbeiten, verdienen Geld. Ich nicht. Ich bekomme in Palermo keinen Job mehr. Ich fühle mich in meiner eigenen Heimatstadt als Ausgestoßene.

Weshalb?
B: Ich bin den Leuten peinlich, weil ich keine Kompromisse mache. Die Mafia hat in Sizilien einen Teil der politischen Klasse übernommen und ihre Macht in alle Bereiche, auch in den Staat, ausgebreitet. Deshalb lässt hier niemanden einen Fotografen arbeiten, der gegen den Staat beziehungsweise die Mafia ist.

Was haben Sie mit Ihren Fotografien erreicht?
B: Nichts. Genauso wie all die Morde der Mafia nichts gebracht haben. Oder die ganze Arbeit all dieser löblichen Richter – Falcone, Borsellino – die allesamt ermordet wurden. Die Mafia ist immer noch da und wir haben nichts gewonnen.

Haben Sie nie ans Aufgeben gedacht?
B: Niemals. Und damit bin ich nicht alleine. Aber wir sind schwach. Weil die Politik sich nicht mit der Mafia anlegt, sondern sie eher unterstützt. Wir hatten eine ganz schlimme Phase, wo die Politik und der Staat mit der Mafia abgeschlossen hatten. Vielleicht wird es in Zukunft irgendwann besser.

Wie mächtig ist die Mafia zur Zeit in Italien?
B: Heute regelt die Mafia die Dinge anders. Sie ist in der Politik und an Banken beteiligt. So lenkt sie ihre Geschäfte. Die Mafia tötet keine Richter, Journalisten oder Polizisten mehr. Sie haben einen Pakt mit der politischen Klasse geschlossen, der so geht: Wir bringen niemanden mehr um, ihr helft uns, viel Geld zu verdienen. Die Mafia hat dabei gewonnen.

Das klingt alles sehr hoffnungslos…
B: Europa muss sich gemeinsam gegen die Mafia organisieren. Die Mafia gibt es nicht nur in Sizilien, sondern überall, in Deutschland, Russland und der Schweiz. Man braucht eine stärkere Kontrolle und neue Gesetze. Sonst ist dieser Kampf nicht zu gewinnen.

Gibt es Hoffnung, dass es irgendwann ein Ende hat?
B: Ich denke ja, vielleicht … vielleicht.

Wann wollten Sie das letzte Mal aus Palermo wegziehen?
B: Dieser Gedanke kommt mir ständig. Aber das ist mein Boden, meine Heimat, meine Wurzeln sind hier. Ich spüre, dass ich hier sein muss. Meine Präsenz kann ein Beispiel sein. Ich muss mit den Jungen reden, ihnen die Zusammenhänge erklären und ihnen zuhören. Das ist die einzige Hoffnung, die Jungen.

Das machen Sie allein durch die Fotos?
B: Nicht nur, ich war auch Politikerin. Ich war zehn Jahre lang Gemeinderätin in Sizilien. Ich wollte mehr machen und etwas bewegen.

Wie haben Sie eigentlich von den Morden, die sie fotografiert haben, erfahren?
B: Wir hatten auf der Redaktion ein illegales Radio, mit dem wir den Polizeifunk der Stadt abgehört haben. Wenn es eine Schießerei, einen Mord, Gewalt gab, fuhr ich mit der Vespa sofort los und machte die Fotos am Tatort. Meist wenige Minuten nach dem Geschehnis.

Wie haben Sie Abstand von all diesen schrecklichen Taten gewonnen?
B: Ich liebe das Leben. Ich lebe wie ein normaler Mensch. Ich habe zwar diesen Schmerz in mir, aber ich habe Kinder, Enkel, Familie, schöne Dinge um mich herum.

Wie konnten Sie nach Feierabend entspannen? Das stelle ich mir fast unmöglich vor, wenn man einige Stunden zuvor noch Leichen und trauernde Menschen gesehen hat?
B: Es ist sehr kompliziert (lacht). Es war nicht schön. Ich weiss nicht mehr, wie ich das gemacht habe. Man vergisst diese Taten nie, liebt aber auch zur gleichen Zeit. Man schaut in den Himmel, geht ins Museum, schaut ein Theaterstück an, isst mit der Familie an einem grossen Tisch. Das Leben ist wichtiger als alles andere. Trotz all dieser Gewalt und dieser Schwere war ich immer eine Frau, die über viele Ressourcen verfügte. Ich glaube, ich trage viel Liebe in mir. Ansonsten hätte ich es nicht ausgehalten.

Warum haben Sie sich bei der Fotografie nicht den schönen Dinge des Lebens zugewendet – zum Beispiel der Mode?
B: Mich interessiert Mode nicht. Wenn es andere machen, sieht es schön aus. Ich bin hier nach Palermo gekommen, um über meine Heimat zu erzählen. In einer Tageszeitung. Zuerst war ich Journalistin, dann wurde ich zur Fotografin. Ich war aber auch Reporterin, die beides machte. Aber ich liebe die Fotografie! Zu fotografieren bedeutet nicht nur die Welt zu erzählen, in jedem Foto ist auch ein Teil von mir drin. Wie bei einem Künstler. Meine Handschrift, meine Persönlichkeit, meine Ansicht der Welt ist in jedem Foto enthalten. Mit meiner kleinen Kamera kann ich große Geschichten erzählen.

Was machen Sie heute?
B: Ich bin sehr alt, aber froh, noch einigermassen fit zu sein (lacht). Ich mache heute keine Mafia-Fotos mehr. In diesem Sommer erscheint ein Buch mit meine neuen Bildern. Es ist schwierig zu erklären. Ich kann Ihnen gerne ein Exemplar zuschicken. Also, ich nehme antike, alte Bilder und vergrößere sie um ein Vielfaches. Davor lege ich eine Frau, die im Vordergrund steht, und meistens nackt ist.

Warum denn nackt?
B: Weil die Frau für mich für Liebe und Leben steht. Sie zieht Kinder auf. Ihr Körper gebiert Leben. frauen initiieren keinen Krieg. Zumindest noch nicht (lacht).

Ist die Frau das stärkere Geschlecht in Italien?
B: Vielleicht. Die Frau hat die Möglichkeiten, ein starkes Geschlecht zu sein. Aber nur wenn sie selbst voran geht und nicht die Vorstellungen der Männer nachahmen möchte. Sie muss die weibliche Idee des Lebens und der Liebe in sich weitertragen.

Letizia Battaglia ist 77 Jahre alt und hat zwischen 1974 und 1990 Jahre lang in Palermo für eine Tageszeitung gearbeitet. Sie wurde bekannt mit Bildern, die hunderte von Morden und Gewalttaten der Mafia in ihrer gnadenlosen und reinen Form zeigte. Ihre Fotos sind Zeitzeugen einer dunklen Zeit in den 70, 80 und 90er-Jahren in Süditalien, wo alleine in Palermo täglich mehrere Menschen im Krieg der Mafia starben. Battaglia wird von der Galerie Maes & Matthys Galerie vertreten.

Aktualisiert am 31. März 2012

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