Wer hat´s erfunden? Die Schweizer!
Gentlemen's Report/NZZ
24. März 2012


Die Schweiz ist ein Erfinderland. Innovation die treibende Kraft unserer Wirtschaftsleistung. Diese fünf Erfinder (ausser einem) haben das Rad nicht neu erfunden, aber bestehende Ideen clever und erfolgreich weiterentwickelt. 

Butch Gaudy, 61, ist Gründer der Schweizer Fahrradmarke MTB Cycletech und konstruiert heute das Greenwheel, ein elektrogesteuertes Hinterrad zum Selbsteinbau. Gaudy lebt in Bern, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

SCHUB FÜRS VELO

Butch Gaudys Herz schlägt für Zweiräder. Früher verkaufte er Harleys in San Francisco, heute konstruiert der Gründer von MTB Cycletech eigene Motorvelos. Sein Name will nicht so recht zum Bernerdialekt passen, sein Aussehen nicht zum Alter. Gaudy wurde 1951 in New York City geboren, hat in Bern studiert und brachte 1981 das damals neue Mountainbike aus Ka- lifornien in die Schweiz.

Vor knapp zwanzig Jahren, als ein junger Ingenieur in Gaudys Werkstatt eine Autobatterie an ein Mountainbike schraubte, dachte er: «What the heck!» Heute erleben Elektrovelos einen Boom. Obwohl Gaudy ein flexibler Ttyp ist, gefällt ihm dieser fliessende Übergang nicht: «Ein Töff ist kein Velo, und ein Velo wiegt keine 30 Kilogramm», sagt Purist Gaudy.

Der Bikepionier fand die Lösung zuhause in Amerika. Am MIT in Boston entwickelte ein Student aus Taiwan, Michael Lin, ein e-Rad. Gaudy und Lin wurden Freunde und konstruierten nicht ein komplettes Elektrovelo, sondern lediglich ein Elektrorad: das Greenwheel war geboren. «Das Greenwheel kann man an jedes Velo befestigen», sagt Gaudy. Damit fällt das Stop-and-Go im Stadtverkehr leichter. «der Individualverkehr wird beschleunigt und umweltgerecht vorangebracht.» Mit dem «e-wheel» kommt man mit bis zu 25 km/h voran.

Natürlich kommuniziert Greenwheel mit jedem Smartphone – die Velofreaks arbeiten zurzeit an diversen Apps. «Das Greenwheel soll diebstahlsicher werden, sich über das iPhone orten oder auf- und abschliessen lassen», erklärt Gaudy. Die Serienreife ist für Frühling 2012 geplant.

EIN STUHL MIT FREIHEIT

Patrik Künzler, 43, ist Hirnforscher und produziert exklusiv in der Schweiz den völlig neuartigen Limbic Chair. In den kommenden zwei Jahren strebt er einen Absatz von mehreren hundert Stühlen an. Künzler lebt in Zürich.

Das Büro von Patrik Künzler ist ein Zimmer in seiner Wohnung im Zürcher Kreis 4. In der Ecke steht ein Skelett, daneben ein jungenhafter Typ mit Kragen. Alter zwischen 25 und 45. Dann sprudeln die Worte schon aus Künzler heraus: Eigentlich sei er Mediziner, nicht Möbeldesigner, er habe bei Ferrari gearbeitet, zwölf Jahre in den USA gelebt. Der Stuhl sei eine Revolution, weil er von der Bewegung anstatt vom Sitzen ausgeht. Zeit zum Luftholen braucht Künzler nicht. Man merkt sofort: der 43-Jährige ist blitzgescheit. Wenig verwunderlich, hat der Mann doch Hirnforschung am renommierten Massachussetts Institute of Technology MIT in Boston studiert.

Seine Erfindung steht hinter seinem Schreibtisch und sieht aus wie aus einem «Stars Wars»-Film. Limbic Chair nennt er sein «Baby». Setzt man sich drauf, muss man erst das Gleichgewicht suchen. Eine Rückenlehne sucht man vergebens. «Von Sitzen kann eigentlich gar nicht die Rede sein», meint Künzler. Man hängt viel mehr in zwei Karbonschalen aus der Formel-1- Technik, die sich um das Gesäss und die Oberschenkel schliessen. Die Argumente von Doktor Künzler kommen wie aus der Pistole geschossen: «Beim Skifahren, Reiten oder Golfen bewegt sich der Mensch vom Hals bis zum Fuss – aber beim Sitzen verharren wir in der immer gleichen Position und zerstören unsere Gesundheit.» Ganz zu schweigen, dass wir durch ständige Bewegung wacher und leistungsfähiger bleiben. Für die Erfindung Limbic Chair hat Künzler seine Erkenntnisse aus der Hirn- forschung mit Ergonomie kombiniert: «Der Stuhl ist so konstruiert, dass jeder Berührungspunkt physisch und emotional Wohlbefinden auslöst.»

Jetzt baut der Hirnforscher den Limbic Chair für Banker, Therapeuten, Ärzte und Sportler. Jeder Stuhl ist individuell auf den Körper des Besitzers abgestimmt – und kostet stolze 7500 Franken. «Ein Designerstuhl ist genauso teuer.» Sportler Dave Dollé hat auch schon einen. Obwohl sich jedes Unternehmen um die Innovationskraft von Künzler reissen würde, bleibt er lieber in seiner Wohnung und entwickelt weiter Stühle. «Das ist meine Leidenschaft.» In einer Ecke steht ein weiteres Möbel, verhüllt durch eine Decke. Es könnte ein Bett sein. Künzler lächelt geheimnisvoll: Am wichtigsten seien ihm die Feedbacks seiner Kunden. Eine Anwältin schrieb etwa, sie hätte dank ihm einen «Chairgasm» erlebt.

LAUFEN AUF WOLKE SIEBEN

Oliver Bernhard, 43, David Allemann, 41. Oliver Bernhard war Profi-Triathlet und Coach, gewann sechsmal den Ironman und war Duathlon- Weltmeister. David Allemann ist ein Marketingmann, leitete die Werbeagentur Advico, Young & Rubicam in Zürich und war danach Marketingchef beim Möbelhersteller Vitra. Sie leben beide in Zürich.

Sportlich sehen die beiden Herren aus mit ihren schnellen Schuhen. Laufschuhe zu tragen ist für Oliver Bernhard und David Allemann Pflicht. Auch wenn sich in den letzten Jahren bei der Technologie und Design von Laufschuhen nicht viel getan hat. Doch Bernhard und Allemann tragen ihren eigenen Schuh. Dieser ist schlicht und hat einen einfachen Namen: «On». Genauso einfach ist seine Technologie. Im Vergleich zu einem System wie «Air» oder «Cell» besteht der «On» aus Gumminoppen an der Sohle, die sich öffnen und schliessen. Beim Auftreten deformieren sich diese 3D-Elemente, der Fuss landet sanft. Sobald er am Boden angekommen ist, verwandeln sich die Noppen in eine feste Unterlage und sorgen für einen explosiven Abstoss. Ein Sportler ist schneller und schont die Muskeln. So weit, so klar.

Doch warum sind grosse Hersteller wie Nike, Puma und Co., die jährlich Millionen in die Entwicklung pumpen, nicht selbst auf diese Idee gekommen? «Ich bin siebzehn Jahre lang Triathlon gelaufen. Der «On» kam aus einer Not heraus, weil ich keinen guten Laufschuh fand und mich zunehmend Schmerzen plagten», erklärt Bernhard. Mit einem befreundeten Ingeni- eur kam er auf die Idee, hochflexible Gummiteile an die Schuhe seiner Sponsoren zu kleben – und ging laufen. Es ging ihm besser. «Es wurde mir bewusst, dass diese Probleme auch andere Läufer plagen, und wir produzierten erste Prototypen.»

Am Ironman verkauften Bernhard und Allemann zusammen mit dem dritten «On»-Gründer, Caspar Coppetti, ein paar dutzend Paare spontan an Läufer, aus dem Kofferraum des Autos. Das Feedback war überwältigend. Viele bestellten den Schuh. «Die weiche, aktive Landung ist gesund für die Muskulatur, beim Abstoss geht keine Kraft verloren», erklärt Bernhard.

Letztes Jahr hat «On» 50 000 Paar Schuhe in 18 Ländern abgesetzt. So etwa auch bei Foot locker. «Vielleicht ist die Idee so einfach, dass andere nicht darauf gekommen sind. Out-of-the-box-Denken hilft», sagt Partner David Allemann. Der Marketingmann weiss, wie man schöne Dinge an den Mann bringt. Etwa mit der patentierten «Cloud»-Technologie, dem Logo, dem schlichten Design. Allemann kann das: «Man gleitet dank den beweglichen Elementen in den Schritt hinein. Das verleiht Läufern ein Gefühl wie auf Wolken», sagt er. Bernhard, der im Appenzellerland gross geworden ist, nennt das anders: «Wie barfuss im Heu.»

GEMÜSE VOM DACH

Roman Gaus, 32, gründete Urban Farmers mit verschiedenen Partnern und operiert inzwischen weltweit – so tüftelt er zurzeit an Projekten in Basel oder Berlin. Gaus ist verheiratet und lebt in Zürich.

The Hub in den Viaduktbögen ist zurzeit das kreative Zentrum von Zürich. In einem Open Space – ganz nach Berliner Vorbild – können sich Selbständige und Startups von einem Tag bis zu einem Jahr einmieten. Was sie verbindet: mit ethischen Geschäftsmodellen die Welt verbessern. Das macht auch Roman Gaus von Urban Farmers. Das junge Clean-Tech-Startup hat mit seinem Konzept «Good food from the roof» für Innovation gesorgt: Mit Hilfe von Fischen in einem Gewächshaus möchte Gaus in Zukunft die Dächer von Metropolen begrünen. «In ein paar Jahren wird es schwierig sein, frisches Gemüse und Früchte in einer Stadt zu bekommen.»

Was jeden Bauer zur Weissglut bringt, sind Gaus und seine Kollegen innovativ angegangen: ein selbstversorgendes System. Fische in einem Wassertank liefern den Rohstoff für ein autarkes Wachstum von Gemüse und Obst in einem geschlossenen System, das auf einem Flachdach Platz hat. Vor seinem Büro steht eine solche Urban Farm. Drinnen ist es tropisch. In dutzen- den von Töpfen stehen Pf lanzen, unten schwimmen Fische in einem Plasticbecken, daneben steht ein Server. «Wir helfen der Natur mit Technik auf die Sprünge – back to the nature im 21. Jahrhundert.»

Die Erfindung der Farm entstand aus Zufall: Vor zwei Jahren kehrte Gaus aus den USA zurück, wo eine aktive urbane Agrikultur-Bewegung am Entstehen war. Gaus war begeistert von dieser Bewegung, weil sie nachhaltig, urban und zukunfts- orientiert ist. Er kontaktierte seinen Geschäftspartner Andreas Graber, der an der Zürcher Hochschule in Wädenswil als Spezialist für Aquaponic arbeitet. Zusammen bauten sie ein Modell, gaben Fische in den Tank und hofften auf Essbares. Jetzt wollen die Urban Farmers das Konzept zum Businessmodell machen: Ein Pilotprojekt in Basel auf 250 Quadratmetern ist in Entwicklung, auch in Berlin haben Unternehmen Interesse. Potenzielle Abnehmer sind etwa Coop oder Migros. Dafür braucht es Überzeugungsarbeit – obwohl die Qualität des Gemüses vergleichbar ist. «Die Tomaten riechen nicht nach Fisch», versichert Gaus lachend. Er hofft auf Käufer seiner Technologie. «Unser Geld reicht nicht mehr lange – wir müssen Investoren finden», sagt er offen. «Es wird aber noch 20, 30 Jahre brauchen, bis der Wandel stattgefunden hat.» Dann ist Gaus im Pensionsalter.

SCANNEN MIT DER MAUS

Michael Born, 34, ist Mitbegründer der Dacuda AG in Zürich. Das Unternehmen beschäftigt rund 25 Mitarbeiter. Zusammen mit dem Elektronikgiganten LG hat er kürzlich weltweit eine Scanner-Maus auf den Markt gebracht. 

Pro Minute greift Michael Born rund ein halbes dutzend Mal zur Maus neben seinem MacBook. Ansonsten ruht das graue Ding still. Das machen Millionen von Menschen in diesem Augenblick ebenfalls. Was aber kaum jemand macht, demonst- riert der 34-Jährige gleich selbst: Wie mit einem kleinen Bügeleisen fährt Born mit der Maus über ein Bild, und Sekunden spä- ter ist es als PDF verfügbar. Das funktioniert mit einem Foto, einer Tabelle oder einem Einzahlungsschein.Das Geheimnis der Scanner Mouse von Dacuda liegt aber nicht in der Funktion, sondern in der Software: «Die schnelle Verarbeitung der Bilder ist der Kniff», erklärt Michael Born.

In einer Vitrine im Büro von Dacuda an der Zürcher Badenerstrasse steht die erste Scanner-Maus, die Born und seine Partner 2008 entwickelt haben. Sie ist aus Holz und hat im Gehäuse eine Kamera. Diese schiesst über 60 Bilder pro Sekunde in Druckqualität. Das sieht ein bisschen nach Steve Jobs’ erstem Mac aus. Born lacht. Nicht Apple setzt jetzt auf die Innovation der Jungunternehmer, sondern der koreanische Elektronikgigant LG. Er produziert die Erfindung des Schweizer Startup Dacuda bald millionenfach.

Born ist aber kein Erfinder, sondern Unternehmer. Nach einem Studium an der HSG besuchte er einen Startup-Gründungskurs. Er wollte schon immer Unternehmer werden. Dafür brauchte er aber eine Idee. «Selber hatte ich keine», gibt er zu. Bei einem Brainstorming mit einem Ingenieur und einem Maschinenbauer kamen sie auf den Einfall: eine Scanner-Maus.

«Ich habe meinen Job gekündigt und mich auf die Suche nach Investoren gemacht», erzählt Born. Währenddessen tüftelten seine Partner wochenlang an der Software für die Maus herum. Sie schrieben Algorithmen, justierten die Kamera, pro- duzierten Hunderte von Tabellen und Grafiken. «Bei Hightech-Startups müssen sich Techniker und Businessleute ergänzen», ist Born überzeugt. Vor einem Jahr kam der Durchbruch: Born unterschrieb den Vertrag mit LG.

Dacuda gibt aber lediglich das Recht für das Know-how an die Koreaner ab. Denn der gebürtige Berner hat noch viel vor mit seiner Maus: «Das Ziel ist es, dass jede Maus zukünftig über einen Scanner verfügt. Wie heute jedes Notebook eine Kamera hat.» Ist die Schweiz ein kleines Silicon Valley? «Das Technologieumfeld ist gut. Die ETH hat Weltruf», sagt Born. Er erwähnt aber auch die Unterstützung und Fördermittel. «Es ist ein steiniger Weg, ein ganzes Business mit Vertrieb aufzuziehen.» Die grösste Herausforderung war, einen Lizenzpartner zu finden. Die kleine Maus kann gross werden – beispielsweise wenn sie für das Scannen von Pässen an Flughäfen eingesetzt wird. Ganz zu schweigen davon, wenn die Technologie irgendwann mit einem iPhone funktioniert.

Aktualisiert am 5. April 2012

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