Hautnah
Das Magazin/Tages-Anzeiger
10. Dezember 2011

 

 

Leder verkörpert die Sehnsucht nach dem, was die Mode ursprünglich einmal war und was ihr inzwischen abhandengekommen ist: die Handarbeit.

Von David Torcasso/Bilder: Daniel Riera

Kürzlich traf ich in einem Café eine Bekannte. Ich begrüsste sie, war dann aber plötzlich abgelenkt. Ich war nur noch Nase. Ich nahm nichts anderes mehr wahr als diesen Duft. Es war ein be­törender Duft, ursprünglich, animalisch. Was war das für ein um­werfendes Parfüm? Meine Bekannte lachte. Sie hob eine Leder­tasche hoch. «Ganz neu, handgemacht in den Niederlanden, Kalb», sagte sie. Der Duft des neuen Leders durchströmte das Café, die Tasche erschlug mich förmlich, und plötzlich war ich süchtig nach diesem Geruch, der eine Geschichte erzählte. Es war die Geschichte des Guten, des Wahren, des Rechten. Die Ge­schichte von Leder.

Die Welt wird überschüttet mit dem, was man Mode nennt: mit Kleidern, Schuhen, Accessoires. So viele Shops, so viel Werbung, all die Fashion Weeks — Luxus ist heute scheinbar für jeder­mann zu haben. Wenigstens wird uns das glauben gemacht. Und deshalb gewinnt Leder in der Modewelt wieder an Bedeutung, denn Leder verkörpert die Sehnsucht nach dem, was Mode einmal war in ihrem Ursprung, etwas, das in unserer Konsumwelt fast ganz verloren gegangen ist: wirkliche Handarbeit.

«Ich mag die Arbeit mit Leder, weil es ein sehr archaisches Material ist. Ich assoziiere damit Bodenhaftigkeit und Natur», sagt die gebürtige Bernerin Nina Christen. Sie arbeitet als Schuhdesignerin beim Hause Yves Saint Laurent in Paris. Leder ist für die 27-Jährige so etwas wie der Rasierpinsel für den klassischen Gentleman. «Die brachiale Ausstrahlung dieses Materials ist abso­lut zeitlos. Ein gutes Leder ist in jedem Sinn luxuriös, aber niemals Überfluss», sagt Christen. Denn genau am Überfluss krankt die Modewelt. Und da kommt Leder gerade recht, um uns zu er­innern, worum es eigentlich geht. «Ich denke, Leder wird jetzt wieder wichtiger, weil es immer schwieriger wird, einfache Dinge zu finden, die sich selbst überlassen sind», sagt die Designerin, die jeden Tag Dutzende von Tierhäuten befühlt, zerschneidet. Und daraus feine Pumps oder edle Stiefeletten für das französische Traditionshaus kreiert.

Reisen mit Elefantenohren, Sitzen auf Walpenissen

Auch für Peter Nitz gibt es nur ein Material und davon nur die beste Qualität: Krokodil, Alligator, Eidechse, Strauss, manchmal auch die Haut einer Ziege. In seinem Atelier in der Zürcher Altstadt fertigt Nitz Taschen und Accessoires von Hand an. Jeden Faden hat der 36-Jährige aus South Carolina selbst durchs Leder gezogen. Es ist eine Arbeit von vielen, vielen Stunden. Gelernt hat er sein Handwerk in Paris bei einem pensionierten Mitarbeiter der Werkstätten von Hermès. Er lernte dort, worum es geht: um Präzision und Geduld. Und das hat sich für Nitz ausbezahlt. Seit die «Vogue» über seine Taschen berichtet hat und man sie bei Colette in Paris kaufen kann, läuft das Geschäft mit der exklusiven Ware.

Nitz legt ein Stück Leder, das kaum grösser als zwei Handflächen ist, aber rund 400 Franken kostet, auf den Holztisch in seinem Atelier. Das Leder für seine Taschen bezieht Nitz ausschliesslich von Gerbereien in Frankreich — dieselben, die auch Hermès beliefern. «Die Ober­fläche ist bei gutem Leder entschei­dend — billige Lederhaut weist Narben und Unebenheiten auf.» Sein Favorit ist Alligator. Dabei sieht er Details im Leder, die ein Laie kaum bemerkt. «Krokodile haben im Gegensatz zu Alligatoren keinen Bauchnabel», erklärt Nitz. Er findet: «Echsenleder widerspiegelt die Würde meiner Arbeit, der Handarbeit, am besten.» Und dass manche Menschen finden, für eine Handtasche sollte kein Alligator sterben müssen? «Seit die USA in den 60ern und 70ern Gesetze zum Schutz der Tiere erlassen hat, sind sie nicht mehr gefährdet. Sie werden jetzt gezüchtet, und es gibt nur noch zweimal jährlich Jagd auf Wildtiere, dann darf eine be­stimmte Anzahl geschossen werden.» Früher, als Artenschutz noch ein Fremdwort war, wurde alles verarbeitet, was selten und teuer war, und woher die Ware stammte, unter welchen Bedingungen sie beschafft wurde, das war egal. Beim exklu­siven italienischen Taschenfabrikanten Valextra etwa bestellte der Emir ein 14-teiliges Kofferset aus Elefantenhaut. Und dafür benötigte man ziemlich viele Elefanten, denn man benutzte nur das feinste Leder der Riesen: die Ohren. Und der griechische Reeder Aristoteles Onassis liess die Barhocker auf seiner Jacht Christina O mit der gegerbten Vorhaut von Walpenissen beziehen.

Leder ist beständig, ruhig und in seiner reinsten Form von solch edler Präsenz, dass es nicht zu schreien braucht. Deshalb hat Leder seinen Preis, auch bei Peter Nitz. Eine Tasche kostet von 1400 Franken an aufwärts. «Gutes Leder kann man fühlen, hören, riechen. Es spricht alle Sinne an. Deshalb fasziniert es die Menschen so sehr.» Und nichts klingt schöner als das Ra­scheln von gutem Leder — «wunderbar, beruhigend, rein», schwärmt Nitz. Billiges Leder hingegen klingt in seinen Ohren einfach nur scheusslich.

Gianfranco Sideli ist Sattler. Ein Beruf, der fast verschwunden ist. Deshalb ist Sideli gerade ein sehr gefragter Mann. Der 59-Jährige lebt in Florenz und war unter anderen für das Modehaus Fendi tätig, als es unter dem kreativen Regime von Karl Lagerfeld stand. Jetzt arbeitet Sideli für die vielversprechenden Modedesigner Proenza Schouler. Seit die beiden New Yorker den Segen von Anna Wintour erhalten haben, reissen sich die Leute um die Entwürfe des Duos. Bei Proenza Schouler kümmert sich Sideli um Taschen und Accessoires. Ohne den Schatz des reinen Handwerks, das der Florentiner beherrscht, wären die Ideen der beiden Designer wertlos. Nur die Wahl des richtigen Leders macht die Taschen vollkommen — und natürlich der richtige Um­gang mit dem Leder, die Vollendung durch die Hände von Gian­franco Sideli. Der Lederdompteur hat an der Scuola del Cuio Fiorentino im alten Kloster von Santa Croce sein Handwerk gelernt. Auch dank dieser seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs existierenden Schule ist Florenz die Hauptstadt des Leders. Die Handwerkstradition ist seit Jahrhunderten vorhanden, wurde verfeinert, weiterentwickelt. Aber man stellte in erster Linie Ge­brauchsgegenstände her: Koffer, Taschen, Schuhe. Erst als Leder­warenproduzenten wie etwa Gucci ihre Produkte dank klugem Marketing und der werbewirksamen Unterstützung von Filmstars in begehrenswerte, glamouröse Dinge verwandelten, entstand die eigentliche Luxusgüterindustrie.

Unindustrialisierbar

«Jedes einzelne Stück Leder hat seine Geschichte und ist deshalb einzigartig», sagt Sideli. Seit er ein junger Mann war, arbeitet er mit nichts anderem als mit Leder, «mein ganzes Leben lang». Er sagt, es sei die letzte wirkliche Handarbeit, die man hier in Florenz noch ausübe. Alles werde industrialisiert, Maschinen er­setzten Menschen, «aber die Kraft, die Leder ausstrahlt, der kommt man mit keiner Maschine bei», ist er überzeugt, dafür brauche es Augen und Hände. Sideli kennt so viele Ledersorten, dass er nicht sagen kann, welche ihm am besten gefällt, welches sein liebs­tes Leder ist. Eines zu benennen, das ist eine Sache der Unmöglich­keit. Als würde man einen Koch fragen, welches das beste Fleisch sei. Die Zutaten müs­sen zusammenpassen. «Das perfekte Leder gibt es nicht», sagt Sideli. Nur den richtigen Menschen, der es für einen bestimmten Zweck auswählt und bear­beitet. «Wissen Sie: Ich bin in meine Arbeit verliebt, nicht in das Material», sagt er. «Das Glück dabei ist, dass ich aber mit dem besten aller Materialien arbeiten darf.»

Fast alle tragen wir Leder, an den Füssen zumindest, denn für gutes, robustes Schuhwerk, das lange halten soll, kommt nur Leder infrage. Auch Accessoires aus Leder sind gang und gäbe, ob iPhone-Hüllen, Portemonnaies oder Handtaschen. Etwas anders sieht es bei der Kleidung aus, denn nicht immer ist die Lederhaut dafür geeignet. Lederhosen etwa: schwierig, ganz schwierig, bei langbeinigen Frauen vielleicht, aber nur vielleicht. Bei Männern: tabu, ausser als Teil einer Tracht. Ledermützen: un­möglich — ausser man tritt an einem Herrenabend als The Village People oder Freddy Mercury auf. Ein Rock aus Leder hingegen: toll und zurzeit sehr angesagt, wie etwa beim französischen Label Céline, das dank der einzigartigen Phoebe Philo und ihrer Interpretation von moderner Kleidung aus Leder Lobeshymnen in der «Vogue» erhält. Auch der griechische Designer Yiorgos Eleftheriades zeigt in seiner Winterkollektion 2011/2012 einen tollen, schmalen Lederrock, der wie ein Fischschwanz aus­läuft. Andere Designer wie Dolce & Gabbana nehmen Fisch wört­lich und kreieren ihre Teile aus Aalleder.

Das Faszinierende an Leder ist, dass es beim Kauf noch gar nicht fertig ist. Leder passt sich seinem Träger an, formt sich nach ihm, wird ganz persönlich und begleitet ihn manchmal ein Leben lang. Jede Falte, jeder Fleck, jede Verformung ist ein Teil der Ge­schichte des Stücks. Leder nimmt die Persönlichkeit des Trägers an. Leder ist genau das Umgekehrte all dessen, was sonst produziert wird. Je älter, desto schöner wird es. Leder ist eben Haut, und das reizt deshalb nicht nur Fetischisten, sondern den Menschen im Allgemeinen. Er trägt sozusagen sich selbst. Das tut er, seit er es geschafft hat, das erste Mammut zu erschlagen. Die Notwendigkeit des Gerbens ist seit der Altsteinzeit bekannt. Die Gletschermumie Ötzi trug Schuhe und Kleidung aus verschiedenen Ledern, die mit Fett und Rauch gegerbt worden waren.

Kürzlich stand ich im Londoner Kaufhaus Liberty und hielt an einem Bügel eine Lederjacke des Designers Rick Owens. Ein wunderbares Stück. Kostenpunkt: 1500 Pfund. Gutes Leder hat seinen Preis. Doch sich zu überwinden, diesen Wert zu erkennen, ihn zu schätzen und dann zu bezahlen, das ist nicht immer ganz einfach. Bis man daran riecht. Ein Duft, der noch unglaublicher ist als der Preis der Ware. Ein Duft, der alles sagt.

DAVID TORCASSO ist freier Journalist. david@davidtorcasso.com
Der Fotograf DANIEL RIERA lebt in Barcelona und London. www.danielriera.com

Aktualisiert am 11. Dezember 2011

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