L´Officiel Hommes

Kenneth Goldsmith: Wunderbares Chaos26. März 2013

goldsmith

Kenneth Goldsmith beschäftigt sich in seinen Arbeiten vorwiegend mit der Rolle der Sprache im digitalen Zeitalter. Er bewundert Journalismus, der von Maschinen gemacht ist, und empfiehlt seinen Studenten zu stehlen.

Herr Goldsmith, was ist Uncreative Writing?
Meine Studenten lernen zu stehlen und zu lügen. Sie kopieren aus dem Internet, aus Büchern, aus dem Radio. Übersetzen beispielsweise zählt nicht, weil es Neues kreiert.

Als Journalist fragt man sich auch, ob man Neues schreiben soll. Alles ist doch schon geschrieben und verfügbar, Newsportale schreiben sich dauernd gegenseitig ab…
Der amerikanische Informatiker Larry Birnbaum hat ein Programm geschrieben, dass aus Statistiken voll- ständige Zeitungsartikel erschaffen kann. Er nimmt Sportstatistiken, kombiniert sie mit einer Software mit den üblichen Dramaturgien in einem Spiel und nach Sekunden entsteht ein Artikel, der sich nicht mehr von einem menschengemachten Artikel unterscheiden lässt. Ich bewundere diese Schreib-Maschine und wünsche mir, selbst so zu sein.

Wie verändert diese Entwicklung, wie wir lesen?
Inhalt zählt heute nicht mehr. Es liest ihn sowieso niemand. Die Menschen „bewegen“ sich durch Artikel, überfliegen sie, kopieren sie, legen sie in Ordner ab, stellen sie auf Facebook oder Twitter. Aber lesen? Nein. Es ist so viel Material da draußen im Netz. Warum noch mehr Neues schreiben? Das bringt doch nichts.

Als Journalist kann das unglaublich frustrierend sein!
Sie sollten Bildhauer werden. Das kann man nicht digital machen.

Sie selbst waren Bildhauer, bevor Sie sich mit der Sprache im digitalen Zeitalter befasst haben. Warum haben Sie die Profession gewechselt?
Als ich das Internet entdeckte, konnte ich nicht mehr zurück.

Was bleibt in Hunderten von Jahren von unserer Kultur übrig? Wie sollen Archäologen Facebook finden? Oder wird alles in Bits und Bytes aufgelöst sein?
Das ist eine gute Frage. Es ist ein totales Chaos heute. Das ist wunderbar. Es wird aber einen Zeitpunkt geben, in dem die Menschen dieses ganze Chaos wieder aufräumen.

Forscher des Europäischen Instituts für Bioinformatik wollen digitale Informationen auf einem Biomolekül speichern und in Menschen einpflanzen. Der Körper wird digital oder die Information wird zum Körper. Ist das unser Zukunftsszenario?
Das klingt großartig! Es gibt auch Entwicklungen von Brillen, die im Auge integriert sind. Die Menschen wollten immer Superhelden sein. Jetzt ist es langsam so weit. Das ist doch toll.

Ich bin nicht sicher, ob Sie diese Entwicklung wirklich so gelassen nehmen…
Ich bin glücklich über die Zeit, in der wir leben. Es ist eine bemerkenswerte Zeit. Technologie ist al- les. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Ich bin dankbar, dass wir nicht in die 1980er-Jahren zurückgehen müssen. Damals hatten wir all diese wunderbaren Sachen nicht. Wir sind doch zufrieden heute, oder etwa nicht?

Warum zeigen dann so viele Zukunftsfilme dunkle, zerstörte Welten?
Diese Zukunft, die jetzt unsere Gegenwart ist, ist doch in Ordnung. Sie ist nicht so düster geworden wie prophezeit. Wir haben schlichtweg mehr Technologie zur Verfügung. Aber wir kämpfen immer noch, wir lieben immer noch, wir haben immer noch Sex.

In Ihrer These werden Bücher in Zukunft kopiert, umgeschrieben, Collagen aus Bestehendem entstehen. Das ist doch ein Widerspruch zur realen Entwicklung?
Das ist die neue Avantgarde. Das werden nicht alle machen. Es wird weiterhin zahlreiche Menschen geben, die ihre Geschichte erzählen. Wir haben aber zurzeit nur eine Art zu schreiben. Es wäre gut, weniger davon zu haben, dafür mehr von anderen Stilen.

Diese Copy/Paste-Aktion haben bereits viele Künstler angewendet. In der Musik wird es andauernd gemacht. Warum ist es in der Literatur so verpönt?
Es wurde vorher nicht gemacht, weil es schlicht weg zu viel Arbeit war. Jetzt kann man ein ganzes Buch in Sekunden aus dem Internet zusammenstellen.

Sie sind auch ein Kurator der Sprache und Erfinder von Ubu Web, einer Ansammlung von avantgardistischen Inhalten, ein Archiv für Internetkunst. Das ist eine große Ansammlung von Informationen. Ich frage mich dann, wer das alles lesen soll.
Man liest ja auch keine ganze Bib- liothek. Nur weil viel vorhanden ist, muss man nicht alles lesen. In einer Zeit, in der Informationen im Überfluss vorhanden ist, wird der beste Autor, der beste Künstler derjenige sein, der sich durch das ganze Chaos navigieren und das Beste auswählen kann. Er muss den Inhalt nicht mehr selbst schaffen.

Ab heute braucht nichts Neues mehr geschrieben zu werden, Herr Goldsmith? Auch dieser Artikel nicht…
Sie können noch mehr Sachen schreiben und produzieren. Aber wer liest das alles? Es gibt Millionen von Blogs. Jeder schreibt vom anderen ab, kopiert, verlinkt, re-bloggt. Das liest doch niemand. Es erscheint mir sinnlos. Das ist die Wahrheit. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit diesem „Es ist meine individuelle Stimme, meine eigene Meinung“. Millionen von Menschen da draußen haben die- selben Ansichten und Meinungen wie Sie.

Also ist die Performance, die Präsentation der Sprache wichtiger als der Inhalt?
Heute geht es darum, Sprache oder Inhalte zu ordnen, zu vervielfältigen, abzulegen, weiterzuschicken, sie zu managen. Es geht um die Sammlung der Sprache. Der Inhalt rückt in den Hintergrund. Schauen Sie doch Ihren iPod an. Sie haben so viel Musik auf Ihrer Festplatte, dass Sie nie alle 209 Lieder hören könnten. Aber Sie hören nicht auf, weitere Lieder auf irgendwelchen MP3-Portalen runterzuladen! Warum? Dann kaufen Sie weitere Festplatten, um haufenweise Lieder auszulagern. Sie sind mit der Organisation der Musik beschäftigt, anstatt sie zu hören. Genauso mit Digitalfotografie. Sie schießen im Urlaub Unmengen von Fotos – wann sollten Sie denn alle anschauen?

Unser Hirn wird zerplatzen!
Nehmen Sie eine LP – das erste Beatles-Album. Die Menschen hatten die Zeit und Muße, sich auf die Musik einzulassen. Jetzt gehen Sie auf PirateBay und sie kriegen alles, was die Beatles jemals produziert haben auf einen Schlag. Wir können es nicht verarbeiten. Aber nehmen es trotzdem. Weil es da ist. Dann laden wir das gesamte Beatles-Werk herunter, legen es irgendwo ab, bevor wir uns dem ganzen Material von den Rolling Stones widmen. Heute geht es darum, Sachen zu kriegen, nicht sie zu verstehen. Informationen zu organisieren ist interessanter geworden als die Information selbst. Das ist verrückt und deshalb neu.

Sie waren kürzlich ins Weiße Haus eingeladen. Haben Sie Präsident Obama Uncreative Writing beigebracht?
Nicht ganz. Ich habe einen Poesie-Workshop an Michelle Obama und High-School- Studenten gegeben. Dabei habe ich Miss Obama genau die gleichen Sa- chen gesagt wie Ihnen jetzt. Sie war fasziniert und hat viele Fragen gestellt.

Am Abend haben Sie dann vor einem großen Publikum im Weißen Haus Ihre Poesie vorgetragen.
Exakt, ich habe transkribierte Verkehrsmeldungen vorgelesen.

Sie haben einmal jedes Wort aufgeschrieben, das Sie innerhalb einer Woche gesagt haben und das dann veröffentlicht. Das war mutig!
Ich habe dadurch leider alle meine Freunde verloren, meine Frau war wütend. Während dieser Woche sagte Sie, bevor wir Sex hatten, „Schalt jetzt das Aufnahmegerät aus.“ Ich sagte, ich könne nicht. Natürlich hatten wir dann keinen Sex, dafür Streit. Der ganze Streit ist wiederum im Buch enthalten.

Haben Sie dieses Werk aus der Sicht eines Künstlers oder Sprachwissenschaftlers gemacht? Beides. Ich wollte ein- fach analysieren, wie viel in einer Woche gesprochen wird. Glauben Sie mir, es war viel. Das Meiste war kompletter Bullshit.

Milo Manara: Fantasia Land

 
In Paris hat ihn jeder zweite Intellektuelle auf dem Klo liegen. Und selbst Frauen finden seine erotisch-lasziven Pin-up-Comics unwiderstehlich sexy. Wie macht der italienische Alt-68er Milo Manara das bloß?
Haben Sie wie alle Kinder auf dieser Welt oft gezeichnet?
Klar, andauernd. Das Zeichnen ist früh zu meiner großen Leidenschaft geworden. Seit ich denken …

... weiterlesen »

Aktualisiert am 28. April 2013

A$AP Rocky: Bye-bye Bling-Bling?

 
A$AP Rocky atmet Hip- Hop, sagt er. Sein Vater saß im Knast, der Bruder wurde erschossen. Er gilt als das next big thing! Aber hat er mehr zu bieten als Ferrari zu fahren und über Mode- Labels wie Comme des Garçons und Jil Sander zu rappen?
New York ist die Geburtsstätte des Hip- Hop – und …

... weiterlesen »

Aktualisiert am 28. April 2013

Carsten Fock: Soldat im Schlachtfeld

Carsten Fock liebt Pop! Er macht T-Shirts, arbeitet mit Bernhard Wilhelm, gestaltet Plattencover und sieht sich trotzdem als ernst zu nehmender Künstler. Dem Titelschriftzug der L’Officiel Hommes verlieh er seine Handschrift.
Carsten Focks Wohnung ist zugestellt mit seinen Bildern. Sie stehen an der Wand, liegen auf dem Boden oder übereinander gestapelt auf Kartonkisten. Er habe hier …

... weiterlesen »

Aktualisiert am 28. April 2013