Gentlemen’s Report /Neue Zürcher Zeitung

Auf Achse23. März 2013

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Nicht nur Taxifahrer oder Buschauffeure sind ständig auf Achse. Diese fünf Männer sind immer in Bewegung, weil sie spezielle Fahrzeuge oder Objekte bewegen: Ferraris, Riesenräder, Leichenwagen, Fahrräder oder Lokomotiven.

Text: David Torcasso Fotografie: Yves Suter

Michael Müller, 31 transportiert jeden Tag Leichen durch die Stadt Zürich. Manch-mal bringt ihn sein Beruf sogar in andere Länder, wo er von einem ganzen Dorf empfangen wird.

Michael Müller fährt eine spezielle Fracht durch Zürich: Tote. Leichen hat in Zürich sonst niemand einfach so im Fond liegen. Der Bestatter der Stadt Zürich betrachtet sein Transportgut aber ganz nüchtern: «Taxis fahren lebendige Menschen ans Ziel, ich verstorbene Menschen», sagt er. In seinem Job als Bestatter sei das sein Transportgut. Müller ist sich aber der Bedeutung seiner Fracht bewusst und wählt deshalb einen «dezenten» Fahrstil, wie er sagt.

Müller fährt aber nicht in einem klassischen Leichenwagen durch Zürich, sondern in einem schwarzen Mercedes-Kas-tenwagen. «Einerseits kann man darin zwei Särge unterbringen, anderseits erschreckt ein weitherum sichtbarer Sarg heute manche Leute», erklärt Müller. In Zürich gibt es zwischen 15 und 20 Todesfälle pro Tag. Müller überführt täglich zwischen fünf und sieben Verstorbene. Der Beruf des Bestatters sei vielseitig: Müller fährt mit dem Leichenwagen, arbeitet aber auch mit den Händen, indem er Leichen trägt, einkleidet oder wäscht. Das geschieht entweder mit den Angehörigen zu Hause oder in Räumlichkeiten des Bestattungsamts.

Neben diesen praktischen Tätigkeiten ist Müller auch Seelsorger. Er ist der erste Ansprechpartner der Hinterbliebenen, die nach einem Todesfall das Bedürfnis haben zu reden. «Die Angehörigen erzählen mir die Lebensgeschichte, die interessant, aber auch traurig sein kann.» Dabei erlebt er, wie die Menschen mit Trauer und Tod umgehen. «Manche Angehörigen weinen, bei anderen ist zu erkennen, dass sie froh sind, wenn eine Person von ihrem Leiden erlöst wurde.» Auch während der Fahrt im Wagen reagieren Passanten unterschiedlich. Ein schwarzer Kastenwagen, zwei Mitarbeiter im Anzug und die Aufschrift Bestattungsamt der Stadt Zürich. «Ein paar Leute bekreuzigen sich, andere wenden sich ab, aber sie lachen oder winken auch.»

Was viele nicht wissen: Das Be­stattungsamt der Stadt Zürich bietet auch Auslandüberführungen an. Müller bringt die verstorbene Person dann in ihren Hei­matort zurück, wo sie begraben wird. Dafür fährt er manchmal tagelang durch Europa. Beispielsweise nach Sizilien. «Dort hat uns das ganze Dorf empfangen. Die Leute standen am Strassenrand und winkten uns zu.»

 

René Bourquin , 43 ist Chilbi-Fahrer und Inhaber der René Bourquin Schaustellerbetriebe. Als Kind ist er kaum mehr von den Bahnen runtergekommen.

Kaum jemand kennt den Chilbibetrieb so gut wie René Bourquin, Schausteller in fünfter Generation. In seiner Jugendzeit musste er seinem Vater oft helfen und hatte kaum Freizeit. Dafür lebte er den Traum von vielen Kindern. «Ich konnte in jeder freien Minute gratis auf den Bahnen fahren, und kam fast nicht mehr runter davon», erinnert sich Bourquin. Und alle wollten mit ihm befreundet sein. «Früher haben wir auf dem Piratenschiff zu Abend gegessen und schwankten über eine halbe Stunde hin- und her», lacht Bourquin. Seine erste Freundin, die jetzt seine Frau ist, hat Bourquin natürlich auf das Riesenrad ausgeführt. Am Abend, wenn die Besucher schon längst zu Hause waren und er mit seiner Angebeteten ganz allein den Blick auf den nächtlichen Zürichsee geniessen konnte.

Noch heute fährt Bourquin Auto-scooter und Eisenbahn auf der Chilbi, denn er besitzt eine Autoscooter-Anlage, eine Kindereisenbahn und ein Riesenrad, welches die meisten Zürcher vom Bürkliplatz kennen. Und natürlich fährt Bourquin deshalb ab und zu selbst Autoscooter und Riesenrad. Manchmal mit seinem Sohn, aber oft, um die Anlagen vor dem Einsatz am Bürkliplatz oder dem Knabenschiessen zu testen. «Ich nehme nach dem Aufbau Feinjustierungen vor und drehe selbst eine Runde. Ich achte darauf, ob die Geschwindigkeit angenehm für die Besucher ist, ob es nicht ruckelt», erklärt der 42-Jährige. Steht auch die Autoscooter-Anlage auf dem Chilbiplatz, fahren er und seine Mitarbeiter Testrunden. Ist genug Druck auf den Aussenreifen, damit die Gäste keinen zu harten Schlag verspüren?

Heute hält sich Bourquin zurück – auch weil er in der Kindheit so oft rumgekurvt ist. «Es wäre doch komisch, wenn ich jeden Abend noch meine Runde auf dem Autoscooter drehen würde – was würden meine Angestellten denken.» Er setzt sich höchstens kurz in einen Autoscooter, um den Effekt eines neuen Discolichts in der Praxis zu testen. Sein Sohn hingegen will andauernd fahren, genauso wie der Senior früher.

Bourquins private Leidenschaft sind heute Autos. «Ich wollte früher Formel- 1-Rennfahrer werden». Manchmal hat er mit seinem Vater auch Autoscooters aufgemotzt, ein Licht angebracht, Auspuffe angebaut. Lachend winkt er ab und erzählt, wie sich das Chilbi-Business verändert habe und er auch etwas enttäuscht sei, dass er in diesem Jahr wegen der Bauarbeiten das Riesenrad nicht auf dem Bürkliplatz aufstellen dürfe.

 

Adrian Hofstetter , 39 arbeitet seit über zehn Jahren bei der SBB und fährt täglich hunderte Tonnen durch die Schweiz.

Lokomotivführer war nicht der Bubentraum von Adrian Hofstetter. Er hat vorher bei der Swissair als Flight Attendant gearbeitet und verliess die Fluggesellschaft kurz vor dem Grounding. Durch einen Bekannten kam er zu den SBB und absolvierte dort die Ausbildung zum Lokführer. Seit zwölf Jahren ist Hofstetter im Raum Zürich tätig. «Es ist ein schöner Beruf, weil ich selbständig arbeiten und grosse Eigenverantwortung habe.» Mit dem dichten Schienenverkehr rund um den HB Zürich ist Hofstetter mittlerweile routiniert. «Alle Bahnhöfe und Strecken die ich befahre, kenne ich bis ins kleinste Detail.» Die «Streckenkundigkeit» gehört zur Ausbildung des Lokführers.

Täglich führt Hofstetter Intercitys, Neigezüge, S-Bahnen oder Interregios durch die Schweiz. Er hat die Verantwortung über 1000 Tonnen Stahl und Hunderte Passagiere. Im Führerstand sitzt Hofstetter aber ganz allein. Kontakt mit Menschen hat er während seiner Arbeit selten. «Ich fühle mich aber nicht einsam», sagt der 39-Jährige.

Manchmal kommuniziert Hof-stetter doch mit den Passagieren – etwa bei einer Durchsage zu Verspätungen. Dann kann er den Ärger förmlich durch die Lokwand spüren. «Meist weiss ich bei Unterbrüchen aber nicht mehr als die Reisenden und verstehe den Ärger. Oder auch, wenn ich die S-Bahn-Tür schliesse, obwohl noch jemand angerannt kommt. Aber der Fahrplan ist mittlerweile sehr eng gehalten.» Obwohl Hofstetter in seinem Job Hunderte Menschen von A nach B bringt, sagt kaum jemand danke.

Das mache ihm nichts aus: «Ich mache meinen Job und erwarte keinen Dank. Ich bin froh, wenn die Leute Zug fahren», sagt er bescheiden. Sehr nett seien die Menschen an Weihnachten. Dann hätten Leute schon an die Scheibe ge-klopft und ihm aufrichtig auch frohe Weihnachten gewünscht. «Das ist schön. Denn an diesem Tag fühlt man sich vielleicht ein wenig allein», räumt Hofstetter ein. Die Lokführer könnten aber bezüglich ihrer Einteilung Wünsche anbringen, die, wenn genügend Personal vorhanden ist, meist
bewilligt werden.

Ob er manchmal davon träume, in einem Hochgeschwindigkeitszug wie dem ICE mit 300 km/h zu fahren? Hofstetter winkt ab. Er fahre manchmal mit dem
TGV nach Basel, nicht Hochgeschwindigkeit, aber in den modernen Führerständen sitzend. Auf Dauer wären ihm die modernen Züge aber zu langweilig. «Das Salz in der
Suppe beim Job als Lokführer ist die Abwechslung.» Je mehr Triebfahrzeuge Hof-stetter fahren kann, desto spannender ist sein Job. «Ich mag auch die älteren Loks. Dort kommt die rohe Technik zur Geltung, und es ist noch mehr Handarbeit, den Zug zu führen und metergenau zu stoppen.»

 

Tobias Schär, 28 ist Velokurier bei Veloblitz und bei jedem Wetter unterwegs. Statt Briefe bewegt er im digitalen Zeitalter vermehrt Zahnprothesen, Blutproben oder Nahrungsmittel durch Zürichs Strassen.

Tobias Schär kam nach der Teilnahme an einer Velokurier-Meisterschaft in Zürich vor einigen Jahren zu Veloblitz. «Ich wusste nicht genau, was mich erwartet, habe aber schnell gemerkt, dass es nicht bloss velofahren ist», sagt Schär. Der Einstieg sei am schwierigsten gewesen. Schär hatte das falsche Velo, musste sich an den Zürcher Verkehr gewöhnen und auch daran, bei jedem Wetter rauszugehen. «Der Job als Velokurier ist auch Kopfarbeit. Ich bereite mich mental darauf vor, wenn es den ganzen Tag regnet, damit ich nicht schlechter Laune bin.» Mittlerweile ist Tobias Schär geübt: «Du lernst, welche Strassen schneller sind, wie du den Verkehr überlisten kannst und wie du dich am Ziel richtig und effizient bewegen musst.»

Obwohl er die Strassen und die Stadt Zürich in- und auswendig kennt, geniesst Schär seine Fahrten noch immer – auch im Winter. «Ich entdecke Orte und Blickwinkel, die sonst niemand kennt», erzählt er. An einem verschneiten Wintermorgen sei die Uetlibergspitze golden von der Sonne beleuchtet worden. Das sei schön gewesen. Im Sommer macht das Fahren aber mehr Spass. «Auch weil ich nicht so viele Kleider tragen muss.» Schär ist ein Held des Alltags – besonders wenn er in einem Büro ankommt. Die Leute haben Mitleid, wenn es regnet, verspüren aber genauso Neid, wenn draussen ein schöner Sommertag ist. Der Zusammenhalt unter den Velokurieren habe sich etwas geändert: «Früher waren wir noch mehr eine Familie und etwas wilder unterwegs.» «Aber auch heute gehen wir manchmal feiern.» Er hat auch im kürzlich erschienenen Velokurier-Kinofilm «Dead fucking last», mit Mike Müller, als Statist mitgespielt.

Verändert hat sich die Art der Lieferungen. Dokumente können dank mehr Datenleistung digital verschickt werden. Darum liefert Veloblitz vermehrt Laborproben aus, die man nicht digital versenden kann. Tobias Schär fährt alles in der Welt herum, was in seine Messenger-Bag passt – abends auch Thai-Nudeln. «Das Schrägste bisher war eine Ladung Blutegel oder die kaum verpackte Urinprobe», erzählt Schär.  Der Veloblitz hat bis 22 Uhr geöffnet. «Wir spüren die 24-Stunden-Gesellschaft. Die Leute arbeiten länger, die Läden schliessen später.» Er hingegen brauche zur Kompensation der körperlichen Anstrengung im Winter viel Schlaf, um seine Schicht zu leisten.

 

Mehdi Al-Kenani , 37, parkt im Hotel Hyatt teure Sportschlitten. Wie es sich für den Service eines Fünfsternehotels gehört, bleibt er dabei stets diskret und höflich. Ausser ein Gast ist betrunken.

Valet Parking ist in der Schweiz nicht so verbreitet wie etwa in den USA. Deshalb gibt es in Zürich wenige Orte, wo dieser Service angeboten wird. Beim Luxushotel Park Hyatt Zürich im Herzen von Zürich gehört Valet Parking zur Tradition. Gäste oder Besucher der Bar können ihr Gefährt nach der Ankunft bei den Hotelangestellten abgeben. Sie stellen es im hauseigenen Parkhaus unter. «Die Gäste sollen stressfrei bei uns ankommen», erklärt Al-Kenani, der als Teamleiter Belldesk beim «Park Hyatt» arbeitet.

Besonders im Sommer bei schönem Wetter herrscht vor dem «Park Hyatt» zwischen Donnerstag und Samstagabend reger Verkehr. Ein Porsche, ein Ferrari, ein Lamborghini nach dem anderen kommt an. Die Besitzer überreichen Al-Kenani den Schlüssel und bestellen in der «Onyx Bar» einen Drink. Besonders junge Besitzer von Edelschlitten zelebrieren das Vorfahren regelrecht. Sie steigen langsam aus ihrem Lamborghini, schauen sich erst mal einige Minuten um, damit auch jeder sieht, dass sie ein solches Auto fahren, und geben den Schlüssel dann ab. Diese Show kümmert Al-Kenani wenig: «Es ist etwas ärgerlich, wenn jemand eine halbe Stunde mit seinem Auto vor dem Eingang parkt und den Schlüssel nicht abgeben will. Das hält die auf, die vom Valet Parking Gebrauch machen möchten.»

Ob man mit einer alten Ente den Valet-Parking-Dienst in Anspruch nehmen könnte? «Ich würde mich sehr freuen, mit einer Ente zu fahren. Die neuen Autos sind nicht schwer zu lenken», sagt Al-Kenani. Und versichert: «Wir machen keinen Unter-schied zwischen neuen oder alten Autos. Solange das Benzin reicht, um wieder aus der Garage raus zu fahren, sind alle willkommen.»

Illusionen, es sei sein eigenes Auto, macht sich Al-Kenani nicht. «Ich freue mich immer, schöne Autos zu fahren. Aber seien wir mal ehrlich: Einparken ist nicht wirklich eine Freude. Wenn ich mit einem solchen Auto durch die Stadt fahren könnte, wäre der Genuss wohl anders.» So fährt Al-Kenani an einem guten Tag Dutzende von Autos raus und rein. Beschädigt hat er noch keins: «Ich kenne unsere Garage bis auf den letzten Zentimeter.» Das Tolle an seinem Job sei nicht das Parken der Autos, sondern dass er viele Menschen kennen­lerne, meint er.

Al-Kenani geht dabei so dezent vor, wie man es vom Personal eines Fünf­sternehotels erwartet. Nur bei einem Thema ist er strikt: Wenn ein Gast nach einem Abend sein Auto zurückfordert und der Parking-Profi realisiert, dass er nicht mehr imstande ist zu fahren, rückt er den Schlüs­sel ausnahmsweise nicht heraus. Er weist den Gast freundlich darauf hin, eine Alternative wie ein Taxi oder einen Fahrdienst aufzusuchen. «Schliesslich haben wir auch ein wunderschönes Hotel zur Übernachtung», schmunzelt er.

Gentlemen’s Report17. September 2011

David Torcasso erstellte als Blattmacher des zweiten Gentlemen’s Report zahlreiche Texte und redigierte Artikel von anderen Autoren. In enger Zusammenarbeit mit Herausgeber Jeroen van Rooijen und der Agentur DDcom, die für die grafische Umsetzung verantwortlich war, erschien die zweite Ausgabe des Gentlemen’s Report am 17. September 2011 als Beilage der Neuen Zürcher Zeitung.
Gesamtes Magazin ist …

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Aktualisiert am 30. Januar 2012