Transhelvetica

Roman Signer – der Feuerteufel von Appenzell16. Juni 2011

Text: David Torcasso, Bild: John Patrick Walder, Emil Grubenmann, Stefan Rohner

Ein kleines Tal bei Weissbad in Appenzell, am End de Wölt, war der Ausgangspunkt Roman Signers. Obwohl viele seiner Werke dort entstanden sind, ist das Tal weitgehend unbekannt. In Weissbad hat der mittlerweile 71 -Jährige Künstler Inspiration für seine Feuerwerke, Knallereien, speienden Fässer und explodierenden Stühle gefunden. Heute findet man sie in allen internationalen grossen Museen als Fotografie, Video oder Installation. Von Weissbad aus auf in die Welt – doch auch hier gibt es ein Museum zu Roman Signer. Allerdings ein inoffizielles, in Form eines Hotels.

Ende März im Städtchen Appenzell. Das Wetter ist dermassen schön, dass sich die Augen erst an die Helle und Klarheit zwischen den Bergen gewöhnen müssen. Es fühlt sich an wie Sommer. Mit ein paar Landjägern und einem Apfelsaft aus der Migros ausgestattet, fehlt jetzt nur noch eine Karte von Appenzell und Umgebung. Die Frau in der Papeterie ist so herzlich, dass man um passende Worte ringen muss. Die Häuser sind von der Sonne perfekt ausgeleuchtet, die Menschen bewegen sich wie in Slow Motion. Sagte nicht Roman Signer sogar einmal «ich wünschte, ich könnte in Zeitlupe sehen»? Als dann auch noch ein bärtiger Mann im hellblauen Sennenhemd vorbeiläuft, verwandelt sich das Städtchen in eine Kulisse für ein Museum, so wenig Gegenwart trifft hier auf so viel Vergangenheit. Der Wanderweg nach Weissbad kündigt eineinhalb Stunden Gehzeit an. Viel zu kurz! Also lieber aussen herum an der Bergkette entlang, immer am Fusse durch dichte Wälder. So werden es dann doch noch rund zweieinhalb Stunden Marsch.

Ein Atelier unter freiem Himmel

In Weissbad steht ein fast majestätischer Hof: modern, mit viel Glas und bis auf die letzten Giebel poliert. Vor dem Eingang steht eine längliche schlichte Metallwanne mit einem im Wasser versunkenen Kanu darin. Es strahlt glutrot in der Sonne. Ein absurdes Bild. Nur noch ein kleines Stück bis zum Glandenstein, dem Ursprungsort von Roman Signers Schaffen. Der Weissbach, der sich durch das dicht bewaldete Tal schlängelt, gurgelt leise. Der Gehweg mündet in ein Bachbett, das zur Hälfte mit grossen Steinen ausgelegt ist. Dann quetscht er sich knapp am Geröll vorbei. Vor einem Berg macht der Bach eine scharfe Linkskurve, der Fels bildet eine Wand. Unter den Einheimischen heisst der Ort schlicht «Ende der Welt», wie auch noch andere, erstaunlich viele Orte in der Schweiz so heissen. An diesem Ende der Welt, also in diesem seichten Bachbett und auf der direkt davor liegenden Wiese stieg über Jahre Rauch von Signers Raketen auf. Die Felsen peitschten das Echo der Knallkörper durch das kleine Tal.

Glandenstein und Roman Signer verbindet eine lange Geschichte: hier in der heimeligen Geborgenheit des kleinen Tals fand Signer vor rund 40 Jahren sein erstes Atelier unter freiem Himmel. Das Gelände gehört dem ehemaligen Kurhaus Weissbad und heute gleichnamigen Hotelkomplex, der mitten in der Appenzeller Landschaft etwas zu pompös wirkt. So manch ein Einheimischer (und zugereister Städter) denkt noch nostalgisch an das alte, charmante Kurhaus zurück. Signer liess eine 40-minütige Nachtfahrt von St. Gallen nach Weissbad in diesem kleinen Tal enden. Das Video, das er dabei drehte, ist Teil einer Installation, die nun im Besitze des Bonnenfantenmuseum Maastricht ist. Diese Arbeit aus dem Jahr 1999 zeigt, dass Signers Wege trotz seiner internationalen Bekanntheit immer wieder zurück zum Anfang beziehungsweise zum Ende führten.

Auf ein Dokument aus dem Jahr 1982 ist Hoteldirektor Christian Lienhard heute noch stolz: «Wir erteilen Herrn Roman Signer die Bewilligung, das Gebiet Glandenstein und das ehemalige Gelände des Schwimmbades für Foto- und Filmaufnahmen zu benutzen», steht da. Carte Blanche für Signer, der umgehend anfing mit seinem Fahrzeug all die explosiven Tonnen, Zündschnüre, Schwarzpulver, Raketen, Kajaks, Stühle, Bomben und Trichter ins Tal zu transportieren! Dort wütete er dann. Doch nicht immer war Signer ungestört. Für eine spektakuläre Aktion sprang er einmal vom Deckel eines Fasses in ein anderes. Dabei sollte der Deckel des Ankunftsfasses während der Sprungphase durch eine Rakete weggesprengt werden. Ein Einheimischer, der das Geschehen von seinem Auto aus beobachtet hatte, raste ins Dorf, wo er die Polizei alarmierte. Der Mann dachte, Kriminelle oder russische Saboteure würden im beschaulichen Glandenstein ihr Unwesen treiben. Die Gemeindepolizei rückte sofort aus. Aus sicherer Entfernung riefen sie Signer mit einem Megaphon zu: «Verstehen sie Deutsch?» Als der im Innerrhoder Dialekt antwortete, atmeten die Polizisten auf. «En Öserige!»

Trotz Welterfolg bescheiden geblieben

Roman Signers Werke sind heute in unzähligen Kunstmuseen zu sehen, das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» ordnet ihn seit Jahren auf den vordersten Plätzen des bedeutenden Künstlerratings ein und Wikipedia zählt ihn zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern Europas. Aber Signer, sagen die Menschen, die ihn kennen, ist der gleiche geblieben, der er Anfang der 1970 er Jahre in Weissbach war. «Ein leiser, manchmal fast scheuer Mann», beschreibt ihn Hoteldirektor Lienhard. Ein hervorragender Zuhörer und Beobachter sei er, ernst, schweigsam und bescheiden. Deshalb ist auch der Gegensatz dieses Mannes zu seinen Werken, die oft witzig und verrückt sind, besonders gross. Signer beschreibt Weissbad als einen «Ort des Herzens». Sein Zufluchtsort, weil er trotz seiner internationalen Präsenz kein Stadtmensch sei. Die frühesten Experimente fanden hier in der Natur statt. Seine berühmte Fotografie «explodierender Stiefel» hat ihren Entstehungsort in Glandenstein. «Ohne Weissbad und Glandenstein gäbe es meine Kunst nicht», so Roman Signer.

Das Werk des 1938 in Appenzell geborenen Künstlers ist geprägt von physikalischen Experimenten. Es knallt, zischt, sprudelt, gurgelt, raschelt und bisweilen fliegen Stühle durch die Luft. An einer unscheinbaren Ecke im heutigen Hotel und Gesundheitszentrum Hof Weissbad ist ein kleiner Monitor angebracht, auf dem ein Film zu sehen ist: aus sieben Hotelzimmern gleichzeitig werden Hocker mit lautem Knall aus einer Fixierung gelöst, die sie nun im weiten Bogen aus den Fenstern des alten Kurhotels Weissbad katapultiert. Sie schlagen auf dem Vorplatz auf. Alles wird in Zeitlupe wiederholt. Die langsame Bildabfolge unterstreicht die Eleganz der fliegenden Stühle und zeigt, wie einige Sekunden ewig wirken können. Die Aktion schliesst die Ära des einstigen Kurhauses aus der Belle Epoque auf kluge Art ab und setzt «Der Vergänglichkeit ein vergängliches Denkmal», so der Titel der Arbeit. Das Schleudern der Stühle steht für Signers Gesamtwerk. Nicht nur Naturkräfte, sondern auch Geschichte und Architektur faszinierten den Künstler schon immer. Mit seinen Aktionen «lotet Signer die Grenzen der Physik aus und vermengt Erkenntnisdrang und poetischen Tiefsinn mit einer gehörigen Portion Lausbubenwitz», wie Kunstkritiker und «Bilanz»-Autor Jörg Becher über ihn schrieb.

Das Mini-Museum und Denkmal von Rolf Signer im Hotel Hof Weissbad liegt Direktor Lienhard am Herzen: «An diesem Ort ist er gross geworden». So beginnt man zu verstehen, warum das rote Kajak auf dem Vorplatz liegt und warum mitten in der schicken Hotelhalle eine blaue Tonne steht: ein Trichter sammelt im historischen Hoftürmchen Regenwasser und leitet es durch ein schmales Rohr in die Tonne im Erdgeschoss. Das Wasser in der Tonne ist dabei so ruhig, dass es für eine Glasscheibe gehalten wird. Lienhard schmunzelt: «Eine Russin hat ihre Gucci-Tasche darauf gestellt – ihr Handy und das Portemonnaie gingen baden. Ebenso der Brautring eines Paares, das im Hotel feierte.» Zur Rettung der Besitztümer musste das Wasser jeweils aufwendig vom Hotelpersonal abgepumpt werden. Das Hotel Weissbad plant trotzdem, weitere Werke von Signer zu erwerben. Das Kajak und die Tonne gehören seit dem Umbau 2009 zur Sammlung. Neben einer kleiner Kirche vis-à-vis des Hotels steht ein Tisch, der sich in Minutenabständen durch Wasserkraft immer wieder aufbäumt; ein Manifest voller Ironie. Signer, ein «Freund des Hauses», wie der Direktor sagt, komme auch manchmal noch persönlich im Hotel vorbei. Dann trinke er einen Kaffee auf der Veranda und beobachte still die Natur. Dort sitzen heute die Gäste in der Sonne und rühren in Zeitlupe in ihren Porzellan-Kaffeetassen.

Auf dem Weg zurück sitzt vor einem braunen Holzgebäude, das auch in einer Modelleisenbahn-Landschaft stehen könnte, eine alte Frau auf einem Stuhl und strickt. Ob sie Roman Signer kenne. «Ja, ja», nickt sie und lächelt. Er sei ja «en Öserige», hier quasi aufgewachsen. Man habe im Dorf immer den Rauch hinten im Wald gesehen oder einen leisen Knall gehört. «Einige halten ihn für einen Spinner», flüstert die Frau verlegen, «andere sind stolz auf ihn». Und sie? «Einmal hat er den Schienen entlang von St. Gallen nach Appenzell eine Zündschnur gelegt – über einen Monat lang hat sich eine kleine Flamme durch die Landschaft bewegt. Und am Schluss, ja da hat es nur einen ganz kleinen Knall gegeben», erzählt die Frau. Das habe sie nicht ganz verstanden. Sie lächelt wieder.

AUSFLUGSTIPP

Gehen Sie von der Brücke in Appenzell am Bach entlang bis zum Bahnviadukt «Alte Bleichi». Dort zweigt der Weg rechts ab, von hier durch die Wiesen und Wälder bis nach Weissbad. Suchen Sie sich in der Umgebung des Hofes ein Plätzchen mit festem, ebenem Untergrund. Bröseln Sie eine Vitamintabletten in eine alte Filmdose. Füllen Sie Wasser nach – nun muss es schnell gehen: Deckel der Dose aufsetzen und die Filmdose auf den Kopf stellen. Warten, bis die Rakete startet. Die Plastikteile bitte wieder mitnehmen. Anschliessend gehen Sie im Hof Weissbad Kaffee trinken: im Park 1, 9057 Weissbad, T. 071 798 80 80, hofweissbad.ch