Buch Stadionwurst

Stadionwurst3. März 2011

Am Ende ist es Wurscht

FC Basel gegen den FC Zürich. Direkt beim Stadion steige ich mit einer Horde FCZ-Fans aus dem Zug. Die Haltestelle beim Stadion, einige Minuten vor dem  Basler Hauptbahnhof, bemerkt ein Zürcher sonst nie, wenn er etwa an die Art Basel oder zum nahe gelegenen Billigairline-Flughafen fährt. Zwei der ganz wenigen Gelegenheiten für einen Zürcher, sich ans Rheinknie zu verirren. Aber heute bin ich hier, um Fussball zu  gucken. Eine Wolke von Marihuana entschwindet aus dem Zug, der Hunderte von FCZ-Fans ausspuckt. Alle sind schon ziemlich angetrunken, angerauscht, die Stimmung ist aufgeladen. Schliesslich ist man in der Heimat des Erzrivalen. Und Basel liegt in der Meisterschaft vorn, weit vorn, der FCZ ist mittlerweile sogar von GC überholt worden. Abgeschirmt wie ein Staatspräsident werden die FCZ-Fans in den Gästesektor geleitet und sind sogar schneller im Stadion als die Basler. Die FCZ-Fans wollen möglichst wenige Schritte auf dem verhassten Basler Boden gehen, die Polizei möchte ihre Stadt vor dem vorzeitigen Abbruch schützen. Knapp kann ich mich an der Armada von behelmten Ordnungshütern vorbeischleichen und gelange zum Vordereingang des St. Jakob-Park. Dort, wo die Zuschauer Einlass erhalten. Wobei, in Basel gibt es keine Zuschauer, sondern nur Fans. Die ganze Stadt ist FC- Basel-Fan, Ausnahmen gibt es nicht. Eine hübsche Basel-Anhängerin erklärt mir, dass sie bereits als Kind rot-blaue Muster an ihre Zimmerwand gemalt hat. Und dass sie seit 20 Jahren an die Matches gehe. Mit ihrer ganzen Familie – der einzige Unterschied ist, dass sie jetzt nicht mehr neben ihren Eltern sitzt, sondern neben ihren Freunden. Als ich ihr auf Züritütsch antworte, höre ich von einigen Typen in der Schlange bereits Sprüche: «Ah, ein Zircher.»

Wie ein kleiner Kläffer

Eigentlich will ich vor Spielbeginn noch etwas essen, doch die Qual der Wahl ist gross in Basel. Die grösste Traube bildet sich vor dem Stand der Metzgerei Eicher, mit den scheinbar besten Wurstwaren der Rheinstadt. Würste werden aber vor dem Spiel draussen kaum gekauft, sondern Bier, Bier, Bier. Denn im Stadion gibt es keins mehr – und was ist ein Fussballspiel ohne Bier? Ich ordere einen Cervelat, der schlaksige Herr mit der runden Brille hinter dem Grill grinst mich aber nur mitleidig an. «Ein Chlöpfer.» So heisse das hier, aber als Zürcher könne ich das ja nicht wissen. Hungrig beisse ich hinein und freue mich: Das ist kein stinknormaler Cervelat, wie ich ihn von etlichen Schulreisli kenne, sondern dieser ist mit Käse gefüllt! Drinnen im St. Jakob-Park ist bereits der Teufel los, hier hat es nicht ein paar Hundert oder Tausend Fans, nein, hier ist die ganze Stadt im Stadion. Rülpsend vom Bier, das sie vor dem Eingang noch hastig runtergespült haben, bewegen sich die Fans zur Muttenzer Kurve. Würste sehe ich keine, sondern nur ein Meer von blau-roten Fahnen, T-Shirts und Wimpeln. Schon geht das Spiel los, zehn Minuten später gibt es bereits ein Tor für den FC Basel. Die wenigen FCZ-Fans in der Ecke des Stadions, die am Anfang des Spiels wie ein kleiner Kläffer versuchten, die Ansprachen und Sponsoren-Danksagungen zu übertönen, verstummen abrupt. Die Basler springen auf und umarmen sich. Dann nochmals ein Tor – wieder nicht für den FCZ. Ohrenbetäubender Jubel, ich schweige lieber. Gern hätte ich jetzt noch einen Cervelat, um mich zu beschäftigen, abzulenken und mich auf das korrekte Essen von Würsten zu konzentrieren, anstatt auf das Spielfeld zu schauen.

Nicht für den Sieg

In der Pause haben sie alle Hunger, vom Rufen, Schreien und besonders vom Fluchen über die Zürcher. Zum Glück gibt es im St. Jakob-Park gleich zwölf Wurststände – betrieben werden sie vom Zweitligisten FC Concordia. So überwinden sich auch einige Zürcher Fans, eine Bratwurst zu kaufen. Im Wissen, dass der Reinerlös nicht zum reichsten Fussballclub der Schweiz fliesst und der Gegner sich durch Wursterlöse gar nochmals einen Spieler kaufen kann wie den meistgehassten Alex Frei. Oder gar Wayne Rooney, der  würde auch noch gut nach Basel passen. Neben dem drahtigen Streller. Doch: So viele Würste könnten die Basler Metzgereien nicht in 20 Jahren verkaufen. Die heimischen Fans kaufen sich am liebsten eine Joggeli-Wurst. Die ist etwas länger als eine Bratwurst. Ich bestelle mir auch eine. Normale Bratwürste gibt es schliesslich auch in St. Gallen. Ich beisse in die heisse Wurst und muss befinden – sehr gut! Wie gesagt, zum Glück vom FC Concordia und nicht vom FC Basel. Die Cateringchefin Ursi Tschudin schenkt mir ein  Lächeln, vielleicht ein wenig ein mitleidiges, weil der FCZ mittlerweile 3:0 im Rückstand liegt. «Tja, diese Wurst ist eben wie der FC Basel: würzig, knackig und überraschend», sagt sie im breitesten Basler Dialekt. An diesem Mittwochabend verkauft Frau Tschudin  einige Tausend Würste, «wissen Sie, die Jungen von Basel treffen sich alle hier am Spiel und gehen nachher noch in den Ausgang. Da müssen sie ja vorher etwas essen.» Dann knistert es schon wieder aus ihrem Funkgerät, die Würste im Sektor B beim B4-Grill sind ausgegangen. Sie ruft mir noch zu: «Kommen Sie doch wieder – für die Wurst, nicht für den Sieg.» Vielen Dank, denke ich, doch richtig böse kann ich der sympathischen Frau Tschudin nicht sein. Als ich meinen Platz suche im grossen Stadion, sehe ich, wie die Fans die Joggelis hinunterschlingen und dann natürlich  ihre Hände abwischen, bevor sie ihre geliebten FCB- Schals, -Fahnen und -Trikots wieder anfassen. Der Pfiff des Schiri ertönt, und die Fanchöre  peitschen wieder über das Stadion. Nach einigen  Minuten erbebt es erneut – noch ein Tor für den FC Basel. Wie gern würde ich die Wurst jetzt mit einem Bier runterspülen. Doch es ist keins da, sondern nur die hämischen Blicke der Muttenzer Kurve Richtung der winzigen Ecke mit den FCZ-Fans. Irgendwann ist das Spiel endlich vorbei und endet 4:1. Die FCZ-Ultras werden schleunigst aus dem Stadion geleitet und gleich wieder in den Zug verfrachtet. Ein Zug mit alten, sehr alten Wagen, die sowieso früher oder später verschrottet werden. Entweder von den Fans oder den SBB. Ich  entdecke noch einige FCZ-Anhänger vor dem Stadion, die ihren Schal zerknüllt in der Hand halten, rumstehen. Und siehe da – einer geht sogar zu einem Stand und deutet auf eine Joggeli-Wurst. Als er sie in der Hand hält, schaut er sie skeptisch an – wie das Resultat, das gross und hell weit oben leuchtet. Er hat sie wohl nicht genau gesehen, den Blick von den Tränen getrübt. In der waagrechten Position sieht die Wurst – gebogen, wie sie ist – wie ein Lächeln aus. Der FCZler dreht sie zum Mund und beisst hinein. Lieber hätte er sein Geld in Bier investiert, doch sein Magen knurrt. Neben ihm stürmen zwei Basler zum Stand, lachend und guter Dinge, bestellen auch eine Joggeli, prosten sich mit der Wurst, dann mit dem Bier zu. Ich blicke den niedergeschlagenen FCZ-Fan, dann die beiden jubelnden Basler an und denke: Am Ende ist es Wurscht.