SonntagsZeitung

Geniale Würfe älterer Semester20. März 2011

Zwei Schweizer Jungdesigner zapfen die Kreativität von Senioren an. Jetzt eröffnen sie ihre erste Senior Design Factory.

von David Torcasso

Wenn die beiden Designer Benjamin Moser, 27, und Debora Biffi, 31, ihre «Schützlinge» im Altersheim besuchen, um mit ihnen anstehende Projekte zu besprechen, scheinen sie mit ihren Boots, Karohemden und Stiefeletten so gar nicht zu den vergilbten Landschaftsbildern, den alten Porzellantassen und den Pendeluhren zu passen. Doch dieser Gegensatz ist bewusst gewählt: «Wir haben schon während des Studiums eine Alternative zur glänzenden Designwelt gesucht», sagt Moser.Und scheinbar im Altersheim gefunden.

Am nächsten Mittwoch eröffnen die beiden ihre Senior Design Factory an der Josefstrasse im hippen Zürcher Industriequartier – inmitten von Bars und Grafikerateliers. Dort verkaufen sie verschiedene Objekte für Jung und Alt. Wohnaccessoires, Strickwaren, Rezeptkarten und jeweils am Samstag frische Backwaren nach Grossmutter Art – alles von den Senioren selbst gemacht.

Ergänzt wird das Sortiment mit eingekauften Produkten, einem bedienungsfreundlichen Handy etwa oder speziellem Porzellan.Mit ihrem kleinen Unternehmen möchten Biffi und Moser Brücken schaffen: «Design ist ein idealer, gemeinsamer Nenner zwischen den Generationen. Er verbindet sie auf einzigartige Weise», sagt Moser. Viele alte Menschen seien unglücklich, weil es ihnen an Wertschätzung fehle. Für die wirklich alten Leute um die achtzig würde sich die Gesellschaft, im Gegensatz zu den «Silver Ager» um die sechzig, die kaufkräftig und in der Werbung präsent sind, kaum interessieren. Die Alten, wie die Designer sie nennen – «sie sagen uns ja auch die Jungen» –, würden totgeschwiegen, sagt Biffi. Obwohl sie durchaus noch etwas für die Gesellschaft leisten möchten, seien ihre Dienste nicht mehr gefragt. «Im Altersheim malen sie oft die immer gleichen Blumen, und ihre Stickereien verstauben irgendwo in einer Vitrine.»

Ganz anders in der Senior Design Factory: Die handgemachten Produkte, die Biffi und Moser mit den Senioren entwickeln, werden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und natürlich auch verkauft. Ein in Europa bisher einzigartiges Projekt. So boten die Senioren zum Beispiel ihre selbst gemachten Preziosen erfolgreich an einem Weihnachtsbasar im Zürcher In-Club Plaza feil. Ein Hit war auch die letzte Winterkollektion mit modischen Oversize-Schals: Sie war im Nu ausverkauft. Dass Stricken und Handgemachtes unter jungen Leuten momentan eine Renaissance erlebt, kommt der Factory zugute. Genau so zentral wie die Entwicklung schöner Produkte, sei auch der soziale Austausch – genauer gesagt, der Wissensaustausch, sagt Moser. So gestalten die Initiatoren zurzeit mit Senioren den Eingangsbereich der Altersresidenz Nordlicht in Oerlikon neu, oder sie organisieren Events. Biffi und Moser gründeten etwa einen Workshop, bei dem junge Leute stricken lernen konnten. Neben einer Modedesignerin fungierte die 90-jährige Elisa Ballerini aus dem Altersheim Limmat als Kursleiterin. Eine andere Gruppe hat im Rahmen der Ausstellung «Smart Urban Stage» 30 Kilo Wolle zum wohl grössten gestrickten Rollschuh der Welt verarbeitet. Und damit ein Smart-Auto «eingekleidet».

Während des Abschlussjahrs seines Studiums «Style & Design» an der Zürcher Hochschule der Künste vor vier Jahren fiel dem Design-Duo auf, dass es für die Generation «75 plus» kaum Angebote gab. Dabei leben in der Schweiz 1,2 Millionen Menschen im Pensionsalter. Bis im Jahre 2025 wird sich die Zahl verdoppeln.

Um den Alten wieder einen Zugang zu verschaffen, realisierten sie für ihre Diplomarbeit ein Projekt mit zehn Seniorinnen aus dem Altersheim Limmat. Zusammen strickten sie eine 4,5 Meter lange Riesensocke, die sie an der Diplomvernissage im Güterbahnhof ausstellten.

Mit einem Businessplan und einem Miniaturmodell der Factory klopften die beiden Jungunternehmer bei verschiedenen Stiftungen an. Sieben Tage die Woche arbeiteten sie an ihrem Projekt.Vom Konzept über die Grafik bis zum Internetauftritt alles selbst gemacht. Der Aufwand hat sich gelohnt: Acht Stiftungen und die Altersheime der Stadt Zürich gehören mittlerweile zu den Förderern. Dank dieser Unterstützung können sie die Senior Design Factory eröffnen. Und wollen in vier Jahren selbsttragend wirtschaften.

Neben der Factory wird auch ein Restaurant entstehen

Biffi und Moser hoffen jetzt auf das Interesse der jungen Bevölkerung, die im Quartier der Factory arbeitet und wohnt, und dass sich der Ort zum Treffpunkt für Jung und Alt etabliert. Einige ihrer rund 40 «Freelancer» werden weiterhin von zu Hause aus arbeiten, «viele Alte freuen sich aber, wenn sie unter die Leute kommen», sagt Biffi. So gibt es in der Factory neben dem Shop auch ein kleines Atelier, in dem die Senioren produzieren können und Workshops stattfinden. Den Mitarbeitern steht es bei diesem Geschäftsmodell frei, ob sie das erwirtschaftete Geld behalten oder dem gemeinnützigen Verein «Senior Design» spenden möchten. Natürlich befindet sich nahe der Factory auch eine Tramhaltestelle – etwas, dass das Duo früher nie beachtet hätte. «Wir haben eine total neue Perspektive gewonnen». Man habe realisiert, dass ältere Leute viele öffentliche Orte wie Restaurants gar nicht aufsuchen würden, weil beispielsweise die Sitze zu tief seien. Oder sie mit dem Rollator gar nicht erst reinkämen.

Einige Meter neben dem Factory-Raum soll im Sommer ein Restaurant entstehen. Geplant ist ein Mix aus traditionellen und modernen Gerichten. Den Service übernehmen Junge und (rüstige)Alte gleichermassen. Diese Gleichberechtigung wünschen sich viele Organisationen, die im Altersbereich tätig sind. Biffi und Moser legen Wert darauf, dass sie «keine Pfleger» seien, sondern alte Leute als gleichberechtigte Partner sehen. Zwar gehe es ihnen nach wie vor um das Gestaltungsprojekt, doch der soziale Aspekt sei in den letzten drei Jahren ins Zentrum gerückt. Es seien Freundschaften entstanden, für das Duo die «wichtigste und schönste Begleiterscheinung».

So trifft man sich am Nachmittag auch mal zu Kaffee und Kuchen oder auch mal abends, um über Gott und die Welt zu diskutieren. «Mit einem 82-Jährigen ein Glas Wein zu trinken, ist eben schon ein besonderes Erlebnis», so Moser. «Da eröffnen sich völlig neue Welten.»

 

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